Archiv der Kategorie 'Klassiker/innen'

Sommerabend

letzte Sonnenstrahlen
überlassen der grünen Abendkühle
den kleinen Park

vor dem Eisengitter
wildes, hohes, struppiges Gras
ahnt Taunässe
streckt sich danach

die Bäume warten
wie Wächter
auf die Nacht

tanken kühles Dunkel

ahnen schon die Hitze
in der der Schatten
Kühle zurück fordert

Herbert Beesten
aus der Luftruinen-Ausgabe 5, Sommer 2009

Lügenstraße

Diese Straße ist eine Lüge. Sie ist eine alte und etablierte Lüge, sie hat sogar Anerkennung im Stadtplan gefunden und trägt den Namen eines lange toten Bürgermeisters. Aber sie ist eine Lüge. Ich weiß das. Ich lebe hier.
Die Häuserfassaden tragen Zierat des letzten Jahrhunderts. Schilder sprechen von Renovierung, von entstehenden Luxuseigentumswohnungen, aber die Fenster der Häuser, in denen 365 Tage im Jahr kein Hammer und kein Pinsel geschwungen wird, schweigen, zu stolz für die Wahrheit.
Man spricht von guter Nachbarschaft, es gab ein Straßenfest im Sommer. Die Lüge dauert an. Die Leute, wenn sie sich im Treppenhaus treffen, schweigen wie die Fenster. Sie wohnen zu lange hier. Mit den Jahren werden Lügen zu schwer, um sie noch abzuwerfen.
Sie ist keine großartige Lüge, diese Straße, keine Poetenlüge vom Zirkus in der Stadt, von Regenbogenpfaden. Sie ist die Lüge eines ganzen Lebens, die Schlimmste aller Lügen, das Leugnen, das Nichtwissenwollen. Die Schreie nachts in der Wohnung hat niemand gehört. Die Frau, die auf der Straße weinte, hat niemand gesehen. Den Mann, an dessen Händen Blut war, als sie ihn festnahmen, hat niemand gekannt.
Aber man kann nicht so lange lügen, nicht so lange schweigen, ohne daß die lebendige Welt selbst es spürt. Die Straße wird dünner, leichter, an heißen Sommertagen flimmern die Häuser und werden durchsichtig. Geräusche werden von ihnen nicht mehr zurückgeworfen, sie verhallen in der Leere. Taxifahrer finden die Adressen nicht mehr.
Vor hundert Jahren wurden diese Häuser gebaut, aus Gips und Latten, billigen Ziegeln und Stuck. Sie brechen unter den Tritten. Vielleicht lösen sie sich eines Tages ganz auf und verwehen, und die wirkliche Welt wird sie vergessen haben.

Ingeborg Denner
aus der Luftruinen-Ausgabe 5, Sommer 2009

Warum Anarchie?

Weil die Tage im Kapitalismus verbrennen und kein Wasser die Flammen löscht. Weil sein Licht überall ist und auf den Körper geklebt jeden Zentimeter des Lebens erniedrigt. Weil den Nächten die Worte fehlen. Und der Schlaf der Vorbote der Arbeit ist. Weil das Klingeln des Weckers den Morgen erbricht, und weil die sinnloseste Fortsetzung der Übelkeit die Betriebe sind. Weil die Jahre zur Arbeitszeit verkommen. Weil die Hoffnung den Kredit abzahlen muss.

Weil die Mittage von den Chefetagen herunterfallen wie Steine. Weil die Steine nicht zurückfliegen dürfen. Weil Betroffene kein Rückgaberecht besitzen. Weil die Entscheidungen von oben kommen. Weil es Gewinner und Verlierer gibt. Weil das alles so bleiben soll. Weil die Geschichte mit dem Zeigefinger nach unten zeigt. Und irgendwer die Angst vor der Freiheit erfand.

Weil die Sonne auf dem Dienstweg daher kommt und die Nachmittage Verzichtserklärungen gleichkommen. Weil der Staat das Ende aller Revolutionen festschreibt. Weil das Leben eine Landschaft ist für die Dienstwagen der Regierungen. Und Wahlen nur Rastplätze sind, auf denen Parteien Stimmungen Gassi führen. Weil die Medien den Alltag an der Leine halten. Weil die Zukunft eine Veranstaltung von Parteizentralen ist. Während die Konzerne Rastplätze bauen und Verzichtserklärungen verteilen.

Weil uns die Arbeit ermüdet. Und kein Atem bleibt für die Frage nach Freiheit. Weil die Abende kurz sind und jeder Tag uns ins Feuer stößt. Weil sich das alles ändern kann. Weil Hierarchien keine Ideen sind und Macht keine Antwort. Weil Rastplätze kein Ersatz für Landschaften sind. Weil in Zukunft jede und jeder mitreden soll. Weil der Tag allen Menschen gleichermaßen gehört. Weil wir Fragen in die eigenen Hände nehmen können. Weil wir neue Sätze schaffen. Weil wir keine Verzichtserklärung unterschreiben.

Ralf Burnicki

aus der Luftruinen-Ausgabe 5, Sommer 2009

hommage à hypnos

starre ozonlöcher in die luft
meine alkoholfahne hängt auf halbmast
gitarren und preßlufthammer zerreißen meinen kopf
eine kugel im labyrinthspiel
die löcher warten schon

der aschenbecher qualmt gelangweilt
in media res
schimmelt sich eine apfelkitsche davon

die erinnerung
die nacht fiel
über die letzten tagesfetzen her und

die sonne knallte
noch verzweifelt
ihre letzten staubzerfressenen strahlen
auf fliehende menschen
unterm brennglas und auf dem backblech
bis der himmel trauer trug und
zwischen dem milchigen bierkäfig bildete
sich ein prilschaumtrapez und

jetzt jault und jammert
der wasserkocher um erbarmen
zerfrißt alsbald eiskalt
die milchwolke den teehimmel
wie ein gelber trauerflor
der wasserhahn hat volles rohr
schluckauf
flüssigkeit jeder klarheit entrissen
aus dem toaster kriecht
asche
vertrieben aus
meinen montagsmorgengeplagten sehorganen
durch blutfarbene marmelade

ewige erdbeerhänge
sind wirklich nicht wirklich

sissy voss
aus der Luftruinen-Ausgabe 1, Sommer 2008

Heute der Kühlschrank…

In dieser Nacht rumpelte es wieder im Kühlschrank. Ich stand auf, überprüfte die Schlösser: Sie hielten noch, nur die Wände schienen sich etwas weiter ausgebeult zu haben. Besorgt legte ich mich wieder hin.
Der Kühlschrank mußte unbedingt entsorgt werden. Aber wohin? Gorleben fiel mir ein. Vielleicht würde das Salz dem Kühlschrankinhalt das Wasser entziehen und ihn umbringen. Oder man könnte den ganzen Kühlschrank in Glas eingießen. Nur, wer sollte das bezahlen? Eigentlich ist doch der Staat dafür zuständig, die öffentliche Sicherheit zu finanzieren… Aber wer würde mir glauben?

Es hatte angefangen, als ich aus dem Urlaub diesen Sommer zurückkam. Die Stadtwerke hatten mir den Strom abgedreht, weil ich im Urlaub natürlich nichts bezahlt hatte. Der Kühlschrank, ein Erbstück aus den fünfziger Jahren, auf den ich sehr stolz gewesen war, ehe er zu meiner Nemesis wurde, stand in einer übelriechenden Pfütze.
Ich öffnete die Fenster, damit die Pfütze besser wegtrocknete, und vergaß die Sache. Als sie mir nach einiger Zeit wieder einfiel, verdrängte ich sie. Ich konnte mich einfach nicht überwinden, mich dem Grauen im Inneren des Kühlschranks zu stellen. Man wird das verstehen. Immerhin bezahlte ich die Stromrechnung wieder.
Vielleicht würde Fritz zu Besuch kommen und, wie er das immer tat, über meine verlotterte Hauswirtschaft die Hände überm Kopf zusammenschlagen und beim Weggehen den Müll mit runternehmen. Fritz, wie man sieht, graut es vor nichts.
Eine Woche später kam eine Postkarte von Fritz: Seine Firma hatte ihn in die äußere Mongolei versetzt.

Da saß ich nun mit meinem Kühlschrank.
Manchen Abend starrte ich ihn an und fragte mich, was ich vor meinem Urlaub darin vergessen hatte. Ich rief all meine Freundinnen an, die meist besser wissen als ich, was in meiner Bude wo zu finden ist, und kam auf folgende Liste: Ein paar Möhren. Eine angebrochene Dose Ölsardinen. Ein alter Socken. Ein Rest Nudelauflauf. Ein Feuerzeug. Zwei Paprika. Ein Joghurt. Mein Bibliotheksausweis. Ein halber Schokoladenweihnachtsmann und ein Rest von einem Glas Essiggurken.
Ich seufzte und beantragte einen neuen Bibliotheksausweis.
Damals fürchtete ich mich am meisten vor den Ölsardinen und dem Nudelauflauf. Den Essiggurken traute ich nicht genug Initiative und Reaktionsfreudigkeit zu, um eine Bedrohung darzustellen. Wie schrecklich habe ich mich geirrt!
Im Herbst kam Ellen zu Besuch und öffnete, auf der Suche nach Bier, den Kühlschrank, ehe ich sie warnen konnte. Als ich sie wiederbelebt hatte, stammelte sie etwas von Ölsardinen, die um die Überreste eines Schokoladenweihnachtsmanns kämpften. Das bestätigte meine schlimmsten Befürchtungen. Ich trauerte etwas um den Weihnachtsmann, der ein guter alter Kerl gewesen war, und klebte ein Schild auf die Kühlschranktür: Außer Betrieb.

Wochen vergingen. Ich spielte mit dem Gedanken, die Feuerwehr oder den Katastrophenschutz zu benachrichtigen, kam mir dann aber doch lächerlich vor.

Eines Nachts hörte ich, wie der Kühlschrank sich öffnete. Entsetzt fuhr ich auf, griff mir die Rückenlehne des kaputten Stuhls aus der Ecke und pirschte mich an den Kühlschrank heran. In dem schmalen Lichtstreifen, der aus der offenen Kühlschranktür fiel, sah ich zwei angeschlagene Ölsardinen fluchtartig ihre Heimat verlassen. Ich erschlug sie mit der Stuhllehne und betrachtete gerade angewidert ihre Überreste, als sich plötzlich ein Schatten vor den Lichtstrahl aus dem Kühlschrank schob. Ich schlug die Kühlschranktür zu – in letzter Sekunde, wie mir ein dumpfer Schlag und ein Klappern im Inneren des Geräts verrieten.
In dieser Nacht fand ich keine Ruhe mehr. Was war es, daß den Ölsardinen so übel mitgespielt hatte? Was hatte in dieser Nacht versucht, aus dem Gefängnis des Kühlschranks zu entkommen? Der Joghurt? Der Nudelauflauf? Ich holte eine Rolle Klebeband aus dem Wäschekorb und verklebte die Kühlschranktür, fest entschlossen, es niemals herauszufinden.
Aber die menschliche Neugier ist stärker als die menschliche Vernunft. Was ging in meinem Kühlschrank vor sich?

Kurz vor Silvester konnte ich der Versuchung nicht länger widerstehen. Lautlos durchtrennte ich das Klebeband und riß die Tür auf.
Das plötzliche Licht schockierte die Essiggurken, die um den umgedrehten, leeren Joghurtbecher herum auf dem Gemüsefach saßen. Die Wände waren grausig mit den Gräten besiegter Ölsardinen dekoriert. Eine besonders große Gurke, die grade Diagramme in den Rauhreif an den Wänden kratzte, drehte sich zu mir um. Im Gemüsefach selbst gingen zahllose Essiggurken ihren täglichen Geschäften nach, lebten, wuchsen und vermehrten sich zweifelsohne.
Ich warf die Kühlschranktür zu und sicherte sie nicht nur mit Klebeband, sondern auch mit allen Fahrrad- und Motorradschlössern, die ich finden konnte.

In der folgenden Nacht rumpelte es wieder im Kühlschrank. Ich schlich mich heran und hörte die essigsaure Stimme der Großen Gurke. Ich verstand sie nicht, doch es klang, als würde sie eine Rede halten. Manchmal antwortete ein Chor geringerer Stimmen. Sie schienen ein Marschlied zu singen.
Ich konnte nicht mehr schlafen. Morgen werde ich irgendjemanden anrufen. Nur – wer ist für meinen Fall zuständig?

Ingeborg Denner
aus der Luftruinen-Ausgabe 1, Sommer 2008