„Ich will zertrümmern und Zertrümmerung schreiben. Nicht irgendein bloßes Zertrümmern, zum bloßen Vernichten. Nein, ich will eine Zertrümmerung, die von innen heraus ausbricht. Eine kreative Zertrümmerung, die etwas bedeutet.
Keine Zertrümmerung, die sich einfach auf etwas stürzt, auf etwas loslässt und sich an etwas festbeißt! Ich will Zertrümmerung, die aus etwas ausbricht, die sich aus ihrem Haus heraus selbst zerbricht.
Gebäude, die beim Mikado-Spielen verlieren, Brot, das aufgeht, weil es in sich selber zusammenbricht, und ein Fieber, das brennt, weil es keine Feuerwehr braucht. Ein Zerbröseln des Konzepts in ein anderes: The world’s not round, it’s cracked. Es kann sich nicht immer ewig weiterdrehen. Es muss auch weitergehen.“

aus: „Zertrümmerung. ein Manifest“, von: Daniel Schulz, in: Luftruinen-Ausgabe 2, Herbst 2008

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„Ich gehöre in keine Schublade. Allein der Kleiderschrank ist mir viel zu eng. Und ich gehöre auch nicht zum Mobiliar eures Lebens. Weder muss ich euch den Rücken zukehren, noch muss ich mich abkehren.
Eine Position beziehe ich. Aber es muss weder eine sein, die euch gefällt, noch eine, die ihr überhaupt kennt. Meinetwegen zertrümmere ich auch mich selbst. Da könnt ihr auch noch so viel lachen, wie ihr wollt – solange etwas aus mir herauswächst, das nicht eures ist, sondern allein meines ist, ist euer Lachen bloßer Schall.
Wer will mir sagen, dass ich kein Penner sein sollte? Dass jeder Bettler nur aus Lumpen besteht, nicht auch aus kleinen Lachern? Und dass jeder Bettler unglücklich ist? Sollte ich einen Dachschaden haben, so werde ich den Teufel tun und ihn reparieren, schmücken oder ausweiten. Entweder richte ich den Dachschaden so ein, dass er mir als Balkon dient, mache einen Turm oder Wolkenkratzer daraus oder reiße das ganze Haus ein und fange neu an. (…)
Ich gehe nicht davon aus, dass ich fertig bin. Ich gehe auch nicht davon aus, dass ich weise oder klug bin. Aber ich strebe auch nicht danach, dumm zu sein. Ich will nur immer wieder von Neuem wissen und lernen. Und hoffe doch sehr, dass diese Einstellung immer wieder aus mir ausbrechen wird. Nicht, dass ich nicht immer im selben schnöden Gehirn verbleibe, sondern, dass dieses Gehirn nicht immer allein in sich verbleibt.“

aus: „Zertrümmerung. ein Manifest“, von: Daniel Schulz, in: Luftruinen-Ausgabe 2, Herbst 2008

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„Èstrange – es ist nötig, wenn man die Welt wirklich so sehen will, wie sie ist, wenn man aufhören will, sich einen Traum zu bauen. Viel zu oft schwärmt der so genannte Kultur-Mensch von einem solchen Traum, von einem tieferen Sinn, einem Kellerloch, in dem er sich bedenkenlos einnisten kann, weil es nach dem Himmel aussieht! Bilder, die den Horizont erweitern! Als hätte ein guter Bilderrahmen jemals einen Horizont erweitert! Selbst ohne Rahmen, wie soll gerade ein Bild diesen Horizont erweitern, wenn es ihn malt, bemalt oder gar aus sich selber herauslässt?
Doch der so genannte Kultur-Mensch sehnt sich nach dem Tiefsinnigen. Er sucht es überall, auf der Oberfläche des Bildes, im Echo der Töne oder in den Wörtern, die leider auf, nicht im Blatt gedruckt sind. Aber es darf nicht zu negativ sein. Es muss positiv, ein Surplus sein, etwas Konstruktives – mit anderen Worten: Im Falle eines gesamten Dachschadens muss der Dachschaden geflickt oder ausgeweitet werden, statt abgerissen zu werden.
Das Negative, man fürchtet es, weil es Dissonanz, nicht Harmonie ist. Die Zertrümmerung soll sich darum scheren, sagt man. Aber wenn sie das täte, wäre es keine Zertrümmerung mehr. Es wäre eine einseitige Literatur: ein ewiges Konstrukt und Konstruieren.
Ein Haus, das man zu einem Palast ausschmückt, obwohl es keines ist, eine Wahrnehmung, die nur in eine Richtung geht, aber sich um sonst nichts schert. Wer eine solche Literatur will, eine solche Kunst, will einen Maskenball, bei dem er sich selbst einkleiden und verkleiden kann. Er oder sie will vor den Seuchen der Zeit fliehen. Was Edgar Allen Poe jedoch den roten Tod nennt, schleicht sich trotzdem in den Ball ein.“

aus: „Zertrümmerung. ein Manifest“, von: Daniel Schulz, in: Luftruinen-Ausgabe 2, Herbst 2008

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„Aber ich will keine tausendseitige Metapher schreiben! Kein Gebilde, bei dem man nicht genau weiß, worum es geht! Das Vage, das Abstrakte, das nicht allzu Deutliche! Wozu soll ich das denn, bitte schön, so deutlich beschreiben?
Nein, ich will deutlicher als deutlich schreiben und daraus von innen heraus zertrümmern. Ich will in meine eigene Wohnung einbrechen und die Fenster zertrümmern, damit sie, wenn sie geschlossen sind, nie wieder meine Luft ersticken können! Ich will die zweite Etage, in der ich wohne, so sehr zertrümmern, dass sie zurück auf den Boden der Tatsachen fällt und ich mit ihr! Das ist Zertrümmerung! Das ist Literatur!
Nicht der ewige Surrealismus des erwägbaren, zu erwägenden Gedankens, sondern das Buch, das dich dazu zwingt, aus ihm selbst aufzuschauen! Das Gedicht, das du vor lauter Weinen nicht mehr lesen kannst! Das Theaterstück, das dich dazu zwingt, nicht die Welt als Bühne zu betrachten, sondern endlich von deinem Zuschauersitz aufzustehen und dich auf dieser Bühne, nämlich der Welt, noch einmal von vorne umzusehen!
Und wenn es doch einen Surrealismus in dieser Literatur geben sollte, dann einen, der uns dazu zwingt aufzuwachen. Jeder Traum ist nur so viel wert, wie er wach macht. (…)

Viel zu oft trinken wir von der Oberfläche unserer Tasse! Ich aber will aus der Tiefe trinken! Ich will den ganzen Geschmack des Lebens auskosten, nicht bloß seine Facetten, sondern seinen Inbegriff! Und wenn die Zertrümmerung das Erschaffensbild dieser Lust am Leben, trotz allen Leidens, ist, so deshalb, weil sie Inbegriff der bricolage, des mythischen Bastelns ist.
(…) Und wenn wir daran teilhaben, so deshalb, weil wir immer wieder zertrümmern! Weil wir niemals einfach nur bei unserem Mythos und Lebenskonzept bleiben, sondern die Tapete, die wir uns selber von der Welt malen und über sie kleistern, immer wieder durchbrechen und abreißen! Weil wir mit unserem Denken, Fühlen und Erfahren nie aufhören werden – sondern beständig aufleben werden! Wildes Denken statt gezüchteter Gedanken! Das ist das Geheimnis einer guten Zertrümmerung, das Geheimnis der Kreativität und Literatur.“

aus: „Zertrümmerung. ein Manifest“, von: Daniel Schulz, in: Luftruinen-Ausgabe 2, Herbst 2008