ich sitze an meinem arbeitsplatz und sehe meinen vorgesetzten mit schnellem schritt auf mich zukommen. ein wenig höre ich ihn schon raunzen und stelle mir speichel in seinen lefzen vor. er ist sauer. ich kam zu spät, nur ein paar minuten, und muss mich jetzt erklären. ich denke nur „bitte geh weg!“, doch er geht nicht weg. und ich halte gekünstelte entschuldigungen bereit.

fast ein mann ist er schon. nein, noch nicht ganz. der pubertierende junge, auf dem weg zum mann, steht vor dem spiegel. er betrachtet sich und schämt sich, weil nur flaum die fettende haut umgibt, und er versucht, den überschuss auszudrücken. groß ist er und schmerzhaft. er trifft sich gleich mit einem mädchen und er denkt nur „bitte geh weg!“, doch er kann drücken, solange er will, der pickel verhöhnt ihn in seinem eigenen gesicht.

sie liegt auf einer kalten liege, in einem kalten raum mit kaltem licht und alles tut ihr weh. sie liegt hier nicht das erste mal und immer wieder testen sie neue methoden, therapien und medikamente. ihre jungen knochen schmerzen, sie kann kaum alleine laufen. sie liegt dort und hebt ihren kopf, um zu sehen, wer da ist. er trägt einen weißen kittel und hantiert mit ampullen und schläuchen. sie legt ihren kopf zurück, atmet schwer und flüstert verzweifelt „bitte geh weg!“, doch er kann nicht weg. und sie weiß es.

schon wieder hat er versagt. und hat doch jede nacht geübt. auch auf dem weg ins schwimmbad, im bus. überall hat er gelernt, auch wenn die andren kinder spielten. er wollte sie nicht enttäuschen, die frau mama, die auch zuhause seine lehrerin ist. mit zitternder hand hält er das blatt papier, wo die zahl draufsteht, die ihm angst und blaue flecken beschert. er hört den schlüssel in der tür und weiß, was passiert, da sie die zahl geschrieben hat, und schluchzt die salzigen worte „bitte geh weg!“, doch ihr brutaler schritt lässt sich nicht stoppen.

sie liegt in einem bett, heute haben sie es frisch bezogen. die räume riechen nach süßem parfum, so süß, dass es in der nase brennt. ihre füße schmerzen, denn ständig muss sie die hochhackigen schuhe tragen, die die beine länger wirken lassen und den rücken bald unbrauchbar. heute will sie nicht und streichelt liebevoll ihren wachsenden unterleib, doch sie weiß, sie muss, um ihn ernähren zu können. sie zieht ihre lippen mit dem grellen lippenstift nach und hört den ersten „kommen“ und denkt für sich „bitte geh weg!“, doch sie darf es nicht sagen, denn sie tut es für ihr kind.

„bitte geh weg!“ schreie ich jeden tag den zweifel an. „bitte geh weg!“ immer wieder aufs neue. du lässt mich glauben, viel zu oft glauben, dass die welt schlecht und ungerecht ist! „bitte geh weg!“ schreie ich.
und wenn du gehst und nochmal zurückkommen solltest, dann bring mir auf deinem weg meinen glauben an die liebe und die gerechtigkeit zurück. sag ihnen, ich vermisse sie und sie mögen bleiben.

anja neuland