Ich werde wach und bemerke sofort, dass dies ein Scheißtag wird.
In meiner Nase befinden sich zwei gefühlte Sektkorken, die mir das Atmen schier unmöglich machen. Mein Kopf hämmert und dröhnt wie ein Airbus beim Start auf einem schlecht gepflügten, russischen Acker. Und dazu gesellt sich der brutale Halsschmerz.
Es fühlt sich an, als hätte ich ein ganzes Packet 60er-Schmirgelpapier gegessen.

Ich will aus dem Bett aufstehen, muss dies aber kurzfristig unterbrechen, da sich die erste Hustenattacke meldet! Kein normaler Husten, NEIN, es ist der gefürchtete Erdnusshusten, der wie ein Tornado durch das Schlafzimmer fegt.
Erdnusshusten.
Bei jeder Attacke dieses Hustens katapultiert mein Rachen eine Ladung kleiner, widerlicher, gelber Brocken in meinen Mund und noch weit darüber hinaus. Und genau diese Brocken schmecken irgendwie ein klein wenig nach Erdnuss. Ich hab’ das schon vielen erzählt, keiner glaubt mir, wollte ja bis jetzt auch noch keiner probieren. Das Paket Schmirgelpapier wird dafür verantwortlich sein, denk ich mir.
Irgendwo da ganz weit hinten in meinem Hals muss sich was gelöst haben. Irgendwo da hinten, bei den gebrannten Mandeln. Die bei mir wohl eher Erdnüsse sind, so würde sich auch der Geschmack erklären.
Wie auch immer, ich pelle mich aus meinem Bett und kämpfe dabei mit einer Körpertemperatur, die ein Steak „well done“ lassen werden würde.
Meine Fresse, hab ich einen neben mir stehen. Ich würde sogar so weit gehen, dass ich sagen würde, ich hätte sogar zwei neben mir stehen.
Also ziehen wir drei uns an.
An solchen Tagen bring ich es fertig, mein T-Shirt beim ersten Mal zwei mal falsch anzuziehen. Erstens verkehrt herum und zweitens auf links.
Ich gehe dann so vor die Tür, ich bemerke es einfach nicht.
Das tut aber die nette Frau in der Apotheke, die Ich und meine beiden neuen Kumpels neben mir als erstes ansteuern.
Sie sagt: „Guten Morgen! Wie kann ich ihnen helfen? Sie haben ihr T-Shirt zweimal falsch an!“
Ich antworte: „Ich weiß, macht nix, das entzündet sich eh gleich bei meiner Körpertemperatur.“
Sie guckt uns fragend an, ich fahre fort.
„Egal, was es kostet! Einmal alles gegen Grippe, das ganze zweimal, für uns drei!“
Die gute Frau guckt mich noch fragender an und antwortet:
„Für sie drei? Alles gegen Grippe?“
Ich sage: „Jaaa!“ und streue nebenbei noch einen Erdnusshusten raus, der teilweise auf der Theke landet. „Kann ja mal passieren“, sag ich.
Sie antwortet: „Da sind Sie aber der Erste“ und dreht sich um, um einige Medikamente zusammen zu packen.
Wir drei warten und versuchen immer noch, die Sektkorken aus der Nase zu bekommen, was mit Papiertaschentüchern allerdings ein ziemlich aussichtsloser Kampf ist.
Die Apothekerin ist fertig mit Einpacken, reicht uns die Tüte, wünscht eine gute Besserung und will 56 Euro von uns. Oder von mir! Zumindest guckt sie immer nur in meine Richtung.
Jetzt nimmt der Fieberwahn in mir seine ganze Kraft zusammen und lässt mich antworten.
Gute Frau, sag ich, gute Frau! 56 Euro sind sehr viel Geld, aber ich mache mir nichts aus Geld. Ich und meine beiden Freunde hier sind nämlich Mitglieder der Tauschianer! Schon mal gehört, gute Frau? Tauschianer tauschen und ICH mache Ihnen jetzt mal ein richtig gutes Angebot!
Für diese Tüte erlesener Medikamente lass’ ich Ihnen, na sagen wir mal, zwei feine Sektkorken hier. Und weil es mir heute so richtig scheiße geht, leg’ ich noch ne Handvoll Erdnüsse oben drauf.
Ich muss verrückt sein!
Das denkt die Apothekerin auch und ruft berechtigter weise einen Krankenwagen. Ich halte die beiden Sanitäter für zwei weitere Leute, die neben mir stehen, und folge ihnen auf einer Trage.
Ich meine noch zu sehen, wie mein T-Shirt beginnt zu brennen, und schlafe dann zwei Tage durch. Zwei Tage tiefster Schlaf mit den wildesten Träumen.
Dann werd ich wieder wach. Im Krankenhaus. Allein. Keine Typen mehr neben mir. Scheißtypen, denk ich mir, wenn es einem schlecht geht und man im Krankenhaus liegt, sind alle sofort weg.
Was mach ich überhaupt hier?
Ich schnapp’ mir die Regionalzeitung vom Tisch, um heraus zu bekommen, welcher Tag heute ist, stelle dann fest, dass die letzten drei Tage ohne mich ins Land gezogen sind.
Des weiteren lese ich eine Schlagzeile, die da lautet:
Offensichtlich geistig Verwirrter überfällt Tankstelle mit Kaktus.
Darunter: Der Mann, scheinbar Mitglied einer Tauschianer-Sekte, hielt die Tankstelle für eine Apotheke. Zwei unbekannte Komplizen bleiben flüchtig.
Meine Fresse, denk ich mir.
Eine Grippe mit Husten, Schnupfen, Halsschmerzen und Erdnüssen ist noch O.K. Aber der Typ aus der Zeitung, Mann, der Typ aus der Zeitung, der ist richtig krank!

Ben Perdighe