Einsamkeit war zu meinem Leibgericht geworden und ich war penetrant satt von ihr. Ab jetzt konnte ich sie nicht mehr sehen, selbst wenn sie noch so schön hergerichtet war. Ich kannte sie in allen Variationen. Besonders dann, wenn sie schon kalt geworden war und ich ihre Durchgegartheit überall durch den Raum laufen sah. Einsamkeit war überall und doch nirgendwo. Dieses Herz war einsam geworden und ich beäugte sie jedes Mal mit Argwohn. Zum einen, weil ich sie kannte, zum anderen, weil sie mir doch gänzlich fremd war. Sie kam ungefragt mit zum Einkaufen, zu Freunden, in mein Bett, wenn meine Schenkel kochten…
Ich gewöhnte mich auf eine erschreckende Art und Weise an sie. Sie war wie ein Nachbar, von dem man nicht mal den Namen kennt, man aber intuitiv weiß, das man ihn nicht mag.
Sie zog nicht aus und fing irgendwann an, wie eine Leiche zu stinken.
Ich riss allen Mut zusammen und klopfte an ihre Tür.

„was willst du?“, schrie ich die Einsamkeit an. „was willst DU?“, fragte sie mich, mit einer herablassenden Betonung in dem Wort „du“.
„ich wollte wissen, wer du bist und warum du mich stets verfolgst. dein gestank ist unerträglich, du durchdringst mit deinem blick meinen körper und mein herz. hast du nichts besseres zu tun?“
„du bist doch an MEINE tür gekommen.“ Und wieder diese Abfälligkeit, diesmal in dem Wort „meine“.
„und du bist überall da, wo ich dich nicht haben will.“
„schätzchen, ich will dich auch nicht, aber deine schreierei ist unüberhörbar. immer wieder brüllst du meinen namen. und jetzt besitzt du schon die frechheit, direkt an meine tür zu kommen. ts ts ts.“
Ich schaute ungläubig ins Nichts und wiederholte flüsternd den Satz: „ich brülle deinen namen?“
„oh ja! ganz recht! und zwar so laut, dass mir davon manchmal die ohren weh tun. nicht mal, wenn du vögelst, gibst du ruhe und schaffst es für nicht mal eine beschissene sekunde, einen menschen in dein leben zu lassen. mit deiner pussy scheint es ja zu klappen. ts ts ts…“
„du hast nicht das recht…“, schrie ich entsetzt, aber die Einsamkeit unterbrach mich: „du hast mir das recht gegeben“
Ich hatte keine Lust, mir das weiter anzuhören, musterte sie zickig und drehte mich um.

- Wieder zu Hause -

„ich habe dich doch eben hinter deiner und meiner tür verschwinden lassen, warum bist du schon wieder hier, lästiges insekt?“
„weil du mich gerufen hast, kaum dass du dich umgedreht hast.“
„du machst mich wahnsinnig! wahnsinnig! und wenn du nicht gehst, dann…“
„dann lass mich doch gehen! lass mich gehen. ich habe besseres zu tun, statt mich ständig mit dir zu beschäftigen. und hör damit auf, mir mehr zu vertrauen als deinem eigenen leben. ich breche ja zusammen unter dir.“

Ich verschränkte meine Arme über meine Brust und sank wie betäubt auf mein Sofa, starrte ins Leere.

Ich erinnerte mich just an den gegenwärtigen Morgen und wie sehr ich mich freute, dass die Sonne verschwunden war und mich nicht weiter mit ihren Strahlen belästigte, ich aber sonst mit sarkastisch wirkend schrillen Tönen schrie „guten morgen, lieber sonnenschein“, was den Schrei nach Einsamkeit bedeutete. Ich konnte mit der Sonne nichts anfangen und liebte den Herbst und seine Kälte. Aber warum?
Die Einsamkeit kam und setzte sich neben mich.
„du fragst dich warum, nicht wahr? weil du angefangen hast, mich zu benutzen. all deine schmerzliche einsamkeit hast du erlebt und verlierst jeden tag mehrere, wunderschöne, kostbare stunden deines lebens, wenn du nicht aufhörst, in der einsamkeit deiner vergangenheit zu leben, weil du es nicht bist!“
„sind denn diese tage einbildung? sind diese tage gar nicht wirklich? bin ich etwa tot? was sind das für schmerzliche tage, an denen ich in meinem bett aufwache, ohne wärme, ohne ein weiteres atmen als meines zu hören, an denen nur die nachbarn an meine tür kommen, nebst dir, nur um mir zu sagen, dass ich die musik leiser drehen soll, sie aber das einzige ist, was mich gut fühlen lässt. was für tage sollen das sein, an denen ich an meinem liebsten weinlokal vorbeilaufe und glückliche paare sehe, die ihrer liebe frönen, lachen und die zweisamkeit leben. was sind…“
„ehe du dich weiter aufregst, schätzchen. ich sage dir gerne, was das für tage sind. die antwort ist einfach. es sind deine. sie gehören ganz allein dir. und anstatt das beste daraus zu machen, rufst du einen freund. und das bin ich. kleine, ich bin nicht dazu da, dich zu befriedigen, dir glück zu bescheren, deinen tag zu gestalten oder was du sonst noch für absurde dinge von mir verlangst. ich bin die einsamkeit und ich fühle mich nicht gut an. ich bin erbarmungslos und gemein. ich frage dich jetzt etwas. warum um alles in der welt, rufst du mich, wenn du einen fröhlichen abend mit menschen haben willst? glaubst du, dass du so individuell und anders bist, dass dich kein mensch versteht??? wozu diene ich dir eigentlich? deiner eigenen identifizierung, dem wunsch allein zu sein? allein sein? und verwechsle mich nicht mit dem allein sein. ich kann den stümper nicht ausstehen. ich bin die einsamkeit und nicht nett. also für die zukunft: wenn du allein sein möchtest, ruf ihn, aber nicht mich!“

Ich atmete schwerer, weinte verzweifelt und schluchzte: „mich versteht aber niemand.“

„ach herrje! es versteht dich niemand? niedlich. hör zu! mach dir mal gedanken darüber, ob du die menschen nicht verstehst und diese somit viel einsamer sind als du. und glaub mir, ich kenne die menschen. mmh? mal darüber nachgedacht? und jetzt. lass mich gehen und lebe dein leben. ich kann dir dabei nicht helfen. und sollte ich trotzdem wieder mal vor deiner tür stehen oder du vor meiner, dann wünsche ich einen starken espresso zu trinken. ist nicht so toll, morgens um 4.00h herausgerufen zu werden, is klar? genieße den tag!“

Anja Neuland