Zwölf Uhr nachts, der wohlwollende Vollmond mag Nachtschwärmer.
Trockene Sommernacht – nicht zu kühl unter den Heizstrahlern der Straßenkneipe.
Der Vollmond mag auch Nachtschweißer.
Mitten auf der runden Verkehrsinsel vom Hasselbachplatz, wie eine Bühne für die umliegenden Kneipen, zwei Schweißer, die den im Boden liegenden Gleisen ihre ganze Aufmerksamkeit schenken.
Ich warte auf meine Straßenbahn und habe Zeit, mir dieses nächtliche Schauspiel anzusehen.
Ein seltsames Pärchen: Beide Männer kauern in ihren kniehohen orangefarbenen Behausungen. Vorgebeugt, die Schweißmaske in der linken, die Elektrode in der rechten Hand. Schweißen violett blitzend am Eisenstrang der Straßenbahnschiene, und um sie herum kreist gelassen der Autoverkehr.
Sie lassen sich durch nichts ablenken von ihrer Aufgabe, dem Straßenbahngast am kommenden Tag nicht die Spur eines Risses, nicht mal ein leichtes Rucken, einen kurzen Stoß merken zu lassen.
Das starke, wieder aufblitzende Licht versucht, an allen Ritzen und Spalten der kleinen Behausung in die Vollmondnacht auszubrechen. Weißer Qualm quellt auf, gibt so dem zuckenden elektrischen Feuerpunkt die Chance, sich allen strahlend zu zeigen.
Ritual der Lichtbogenmänner.
Ein Regisseur hätte es nicht besser ausdenken können.
Haben die Schweißelektroden knisternd ihr Leben ausgefaucht, – ein kurzes Innehalten der Männer – langsames Aufrichten der Oberkörper. Der Reststummel wird mit einer runden Ruckbewegung aus dem Handgelenk und mit einem metallischen „Klack“ in den silbrig glänzenden Eimer entsorgt, die nächste Elektrode gezogen und eingespannt.
Wie Papppferde von Kindern transportieren die Beiden nun ihre Behausungen, rechts und links an Griffen festhaltend. Jetzt sind auch die Beine der Männer sichtbar. Das Gehäuse schwankt und wippt leicht, weil es ohne Bodenhaftung an Stabilität verliert, wird aber zielsicher abgesetzt. Es wird sich wieder hin geduckt – dann: weiter schweißen.
Durch den zum Boden entstehenden Lichtblitzspalt wirkt ihre Behausung wie ein grad im Abheben begriffenes UFO.
Auf dem Nebengleis schleicht sich eine Spät-Straßenbahn an dieser surrealen Szene – vorsichtig tastend – vorbei.
Nach mehrmaligem Umsetzen ihrer Schweißbehausungen werden diese nun beiseite gestellt und durch eine draisinenartige Schleifmaschine ersetzt, mit der die wulstigen Schweißnähte an der Schienenoberfläche abrasiert werden, damit alles schön glatt, schön eben ist. Nicht der Hauch einer Unebenheit soll später zu spüren sein.
Das ist der Ehrgeiz dieser beiden Männer!
Zwischendurch betrachten sie ihr Schleifergebnis aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln, deuten auf eine Schienenstelle, nicken sich stumm zu.
Die Schleifmaschine wird bewegt: Vor, zurück – vor, zurück – immer wieder, röhrt dabei, manchmal ächzend untertourig, jetzt laut kreischend, erzeugt dabei ein Funkensprühen, das stärker, bald schwächer wird. Wirft plötzlich einen lang gestreckten, bogenförmigen Funkenregen in die Nacht – wie eine riesige Wunderkerze.
Die Eisennarben sind nun durch Funkensprühen verarztet, die beiden Männer räumen wortkarg ihren LKW ein.
Am kommenden jungen Tag werden die Frühaufsteher in der MVB-Bahn nichts, überhaupt nichts von der blitzend funkensprühenden Arbeit der beiden Männer in den seltsamen Behausungen ahnen. Vielleicht werden einige der Fahrgäste wegen der Vollmondnacht nicht so gut geschlafen haben, legen dann etwas schläfrig ihren Körper wohlig in die Kurve auf dem Hasselbachplatz – ohne Stoß – ohne Ruck …. ohne Denken.

Herbert Beesten