Der Kapitalismus ist in seiner größten Krise seit… Monaten? Wochen? Tagen? Ich hab keine Ahnung: Ich verlier langsam den Überblick! Der Marktfundamentalismus ist in der Zwischenzeit an Geldsucht krepiert, die Banker haben die ganze Finanzwirtschaft in Misskredit gebracht und werden jetzt wahrscheinlich bald in Kurzarbeit geschickt, bevor sie alles kurz und klein gearbeitet haben, und die Politiker sagen immer: „Die schulden uns eine Erklärung!“, und ich sag immer: „Nee, die schulden uns Geld!“

Aber man muss doch jetzt bitte auch endlich die positiven Seiten an der Krise sehen! Klingt übrigens fast ‘n bisschen wie ein Romantitel von John Grisham: „Die Krise“. Der neue weltweite Bestseller! Von den Autoren von „Die Immobilienmarktkrise“ und „Die Finanzmarktkrise“ kommt jetzt „Die Weltwirtschaftskrise“. Jetzt mit noch mehr Weniger als vorher!

Aber wie gesagt: Die Weltwirtschaftskrise trifft uns nicht alle gleichermaßen! Das politische Kabarett hat in der Weltwirtschaftskrise Hochkonjunktur! Und einer der besten politischen Kabarettisten in diesem Land ist: Guido Westerwelle! Das ist ’n Scherzkeks! Der hat sogar seine eigene Spaßpartei! Und: Guido Westerwelle ist der neue Messias des Mittelstands: Kein Wunder, dass die Leute seit der Finanzkrise alle in Scharen in die Wahlkabinen pilgern, um ihr Kreuz bei der FDP zu machen! Lachen ist ja die beste Medizin für ein Volk, das an einer kranken Volkswirtschaft leidet, und die FDP ist so ne komische Partei! Und wie machen die das? Na ja, die FDP ist eine Partei mit Persönlichkeit, eine Partei mit Persönlichkeiten, eine Partei mit mannigfaltigen – ich würde fast sagen multiplen – Persönlichkeiten:

Mehr Eigenverantwortung!
Nein!
Doch!
Nein!
Doch!
Na gut, aber nur für die Bürger und nicht für die Wirtschaft!
Hmmmmm… Ok!

Na ja, es ist ganz leicht, jetzt mit dem Finger auf die Neoliberalen zu zeigen, und zu sagen, dass sie schuld sind an der Krise, weil sie ja auch schuld sind an der Krise! Trotzdem möchte ich jetzt damit aufhören, dauernd verbal auf die Neoliberalen einzuprügeln, und mir stattdessen lieber einen Neoliberalen raussuchen und dann nur auf den einprügeln! Das macht nämlich dann gleich doppelt so viel Spaß!

Denn ganz Deutschland redet über die Verlierer der großen Krise! Und das ist ja wirklich kein sehr erbauliches Gesprächsthema: Reden wir heute Abend doch mal über was Positives, über einen der großen Gewinner der Krise! Reden wir doch mal über Hans-Werner Sinn!

Wir erinnern uns: Marcel Reich-Ranicki hat gesagt, er sieht keinen Sinn mehr im Deutschen Fernsehen! Dem möchte ich höflichst widersprechen, denn ich habe das Gefühl, seit der Finanzkrise sieht man Hans-Werner Sinn viel zu oft im Deutschen Fernsehen! Hans-Werner Sinn ist nämlich der Leiter des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München und Hans-Werner Sinn hat Ende letzten Jahres in einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel die heutige Kritik an den Managern mit der Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten gleichgesetzt! Ich hab das Originalzitat mal mitgebracht:

Hans-Werner Sinn im Tagesspiegel vom 27. Oktober 2008:

In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken. Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben. Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager.

Da muss man erst mal drauf kommen: Kabarettistisch sehr interessant, was er da gesagt hat! Ich befürchte nur, er hat’s ernst gemeint, denn neoliberale Chefideologen sind nicht unbedingt für ihre guten Pointen bekannt!

Och, obwohl: Nicht alle neoliberalen Chef-Ideologen sind vollkommen humorlos! Es gibt heute zum Beispiel immer noch welche, die sich ernsthaft auf den guten alten Adam Smith berufen (auch so’n Scherzkeks) – weil sich ja in den Wirtschaftswissenschaften seit 250 Jahren nicht mehr viel getan hat – und die sagen… Kein Scherz! Die sagen, es gibt im Kapitalismus eine „Unsichtbare Hand“, die auf magische Art und Weise den Reichtum der oberen Schichten auf die unteren Schichten quasi umschichtet! Das heißt in anderen Worten, die unsichtbare Hand des Kapitalismus greift den Reichen tief in die Tasche! Klingt irgendwie mehr wie ein Horrorfilm… Also, ich mein: Aus Sicht der FDP klingt’s bestimmt irgendwie mehr wie ein Horrorfilm!

Lustig genug, dass die „Unsichtbare Hand“ ein wichtiger Bestandteil im Parteiprogramm der FDP ist! Wenn die diese Horrorstory wirklich glauben würden, hätten die viel zu viel Angst vor der „Unsichtbaren Hand“. Ich glaube, die FDP weiß ganz genau, dass es im Kapitalismus nur eine umverteilende Hand gibt: Und das ist die, die vorne dran ist am langen Arm des Gesetzes! Deshalb sagen die auch immer: „Wir brauchen keine Gesetze: Der Markt regelt das von alleine!“

Wissenschaftlich ausgedrückt nennt man die „Unsichtbare Hand“ des Kapitalismus übrigens „Trickle-Down“-Effekt! Das klingt nämlich schon gleich irgendwie viel seriöser! Ich frag mich immer: „Wie begründet man so was? Wie vertritt man so eine Position, ohne dass einen alle gleich für verrückt halten?“
Ich hab sie gesehen! Die Unsichtbare Hand! Ich hab sie wirklich gesehen: Sie wollte mich befummeln!
Ja, Herr Westerwelle: Alles wird gut! Jetzt gehen Sie erst mal mit den beiden freundlichen jungen Herren mit und dann bringen wir Sie an einen Ort, wo Ihnen die Unsichtbare Hand gaaar nichts mehr anhaben kann!
Nach Liechtenstein?
Nein, nicht ganz…

Das sind arme Menschen, die meinen, „Unsichtbare Hände“ da zu sehen, wo gar keine sind! Nein, eigentlich sind’s reiche Menschen…

Wie auch immer: Hans-Werner Sinn hat sich natürlich sofort entschuldigt für seinen Vergleich zwischen der Kritik an den Managern und der damaligen Verfolgung der Juden, denn der Zentralrat der Juden in Deutschland war ob seiner Äußerung – wie soll ich sagen – leicht indigniert! Also die waren tierisch angepisst! Also hat sich Hans-Werner Sinn beim Zentralrat der Juden entschuldigt, weil ihm natürlich klar war: Das hätte er nicht sagen dürfen! Denken? Ja! Sagen? Nein! Ich glaube nämlich, Hans-Werner hat sich diese Entschuldigung nur raus geschraubt, damit die Leute nicht merken, wie er wirklich tickt! Und dieser Mann tickt! Der ist quasi eine tickende Zeitbombe! Und der tickt nicht mal richtig! Hans-Werner Sinn ist eine nicht richtig tickende Zeitbombe: Total unberechenbar, wann der das nächste Mal wieder mit so nem Spruch raus platzt!

Ich meine: Roland Koch musste damals für so ne Aktion zurücktreten, als er die damalige Vermögenssteuerdebatte gleichgesetzt hat mit der Judenverfolgung, oder nicht? Unter der Judenverfolgung machen die’s auch nicht mehr, oder? Bald fängt noch die NPD an, sich über ihre Behandlung im sächsischen Landtag zu beschweren: „Das wäre ja die reinste Judenverfolgung hier, wenn es die gegeben hätte!“ Ja, der Koch musste damals für sowas zurücktreten und wer hat in der letzten Zeit noch mal was von Roland Koch gehört? Hmmm? Wunschdenken…!

In der Zwischenzeit hat Guido Westerwelle verkündet, die CDU sei ihm nicht liberal genug und wer die „Reine Lehre“ wolle, solle doch bitte sein Kreuz bei der FDP machen statt bei der CDU. Und das ist interessant, denn das ist genau das, woran ich auch immer denke, wenn ich an die FDP denke: An die reine Leere!

Hanno Fischer