Der Taxifahrer in Leipzig gab endgültig den Ausschlag für die Entscheidung, meine langjährigen Recherchen zu beenden: Als ich ihm sagte, ich käme aus Münster, sah er mich ratlos an und wusste nichts, aber auch gar nichts damit anzufangen. Er hätte wohl mal was von Krimis und Zoogeschichten gehört, da sei das Wort „Münster“ gefallen. Aber auf seiner Landkarte sei das nicht verzeichnet: Münster…
Da war mir endgültig klar: Münster ist nur ein Gerücht!
Münster ist ein Fake, eine große Inszenierung und Attrappe der Kaufmannschaft, der Konservativen und der Filmindustrie, damit Stadtwerber sich austoben können und so etwas wie einen schwarzen Schwan erfinden, der dann plötzlich wieder verschwindet. Wer hat denn schon mal diesen Schwan wirklich gesehen oder in Münster einen richtigen Münsteraner getroffen? Hier sind doch alle nur zugezogen – wie ich auch!
Während meiner Studienzeit habe ich mich zum Beispiel wirklich bemüht, mal eine echte Münsteranerin kennenzulernen. Fehlanzeige! Die Damen waren in Ottmarsbochholt, Beckum oder Telgte, in Bielefeld, in Hamburg oder sogar in Chile oder Russland geboren – aber nie in Münster! Der Verdacht kam auf und ich begann meine detektivischen Untersuchungen, die ich nun abgeschlossen habe.
Wenn jemand behauptet, er sei gebürtiger Münsteraner, dann gehört er zur Kaufmannschaft oder zur CDU oder zu beiden und ist im Schützenverein, fand ich heraus. Er zählt also zu den Erfindern dieser Täuschung, die sich Münster nennt. Wobei die sich von Anfang an sehr viel Mühe gegeben haben: Eine riesige Kulisse namens Prinzipalmarkt samt Dom musste aufgebaut und auch noch die Geschichte nachträglich dazu erfunden werden: Bischof Galen, Westfälischer Friede und die Wiedertäufer und so. Also: Grausames Mittelalter mit Massenvögelei, Krieg, Kirche und Naziwiderstand haben sie in die Stadtgeschichte spektakulär reingeschrieben – so gibt’s höchste Besucherzahlen im Stadtmuseum, obwohl doch jeder weiß, dass Osnabrück für das Ende des Dreißigjährigen Krieges ausreichte. Die haben sogar daran gedacht, die Käfige in die Kulisse zu hängen, damit auch alles den Anschein hat zu stimmen.
Doch Münster ist nur ein Gerücht – und man hält es wach, dieses Gerücht, mit andauernden Bewerbungen für irgendwelche Städtepreise.
Ansonsten bist du eigentlich, wenn du in Münster lebst, nur Statist! Du bist ein Statist, der sich durch aufwendigste Kulissen bewegt und nebenbei mal bei den Dreharbeiten zugucken kann. Oder montags in der Zeitung nachlesen darf, wie eifrig die Stuntmen am Wochenende vorm „GoParc“ wieder geübt haben.
In den Drehpausen wirst du als Statist an der Promenade von den Nebendarstellern aus den Krimis auch noch mit Knöllchen versorgt – die üben aber eigentlich nur für den nächsten „Tatort“ in ihren Polizistenkostümen. Das soll das Image der Fahrradstadt pflegen. In Wahrheit wird jeder Fahrradfahrer jedoch sorgfältigst verfolgt und bestraft, weil alle zu schnell durch die teuren Kulissen rasen.
Münster ist eben nur ein Gerücht!
Manchmal geht aber auch was schief in dieser großen Inszenierung: Wenn sich zum Beispiel ein Münsterkrimi-Hauptdarsteller im „Cineplex“ – im Tempel der groß inszenierten Täuschung, im Heiligtum zur Präsentation aller Fakes – eine Zigarette anzündet, dann kann der Skandal kaum mehr vertuscht werden: Der Mann aus der Außenwelt hat sich nicht an die Regievorgaben gehalten und muss öffentlich bestraft werden!
Auch bei den Statisten aus der Fußballabteilung klappt schon seit Jahren einiges nicht so richtig: Während die reale Welt in nur gut 30 Kilometern Entfernung in der Zweiten Liga mitspielt, krachen hier die Stadionkulissen ein. Peinlich! Da wackelt das Gerücht vom Traditionsverein gewaltig!
Münster ist eben nur ein Gerücht.
Jaja, die ultimative Erkenntnis angeregt vom Taxifahrer in Leipzig liegt doch auf der Hand – und jetzt schalte ich die Glotze an:
Ich zappe zwischen „Tatort“ und „Wilsberg“ und den Tiergeschichten hin und her. Und während ich so gucke, denke ich mir:
Ich bin genau so ein Statist wie der Affe da im Zoo.

©hristian F. 2/2009