Sieben Uhr abends. Sabine greift zu den Farben, um sich ihr Gesicht aufzumalen. Helle Farben. Blasses Blau. Blasses Pink. Silber. Es soll zu dem blauen Kleid passen, das sie heute Abend tragen wird. Ein teures Kleid. Es hängt am Schrank und leuchtet blau, heller, als sie selbst je leuchten wird, denkt sie. Ihr nacktes Gesicht im Spiegel sieht sie nachdenklich an. Im grellen, weißen Licht zeigen sich Falten. Ringe unter den Augen. Sie mag dies Licht nicht. Nicht den Spiegel. Nicht ihr nacktes Gesicht. Es gehört nicht ihr. Es gehört einer Fremden.
Sie greift zu den Farben und sieht der Fremden, die sie auslöschen, übermalen wird, in die Augen.
Ich bin du, sagt die Fremde. Ich bin, was du nie warst. Sabine beginnt mit sicherer Hand, das Gesicht der Fremden zu übermalen. Ich bin nicht du.
Es hatte nie Zwiespalte gegeben in Sabines Leben. Geboren in einer wohlhabenden, an-ständigen Familie, war ihr Weg vorgezeichnet gewesen. Sie war auf die ‚richtige’ Schule gekommen, als sie sechs war – ihr Vater hatte dafür gesorgt, daß sie nicht wie die Nachbarskinder in die Dorfschule ging, wo vier Jahrgänge in einem Raum saßen. Sie war eine brave Schülerin gewesen und hatte gute Noten bekommen, die ganzen dreizehn Jahre bis zum Abitur. Niemand hatte je etwas anderes von ihr erwartet. Sie selbst zu allerletzt.
Sie malt den blassen, schmalen Mund der Fremden mit ihrem eigenen leuchtenden Pink aus. Es ist ihre Lieblingsfarbe. Sie fühlt sich stark damit.
Zum Abitur hatte ihr Vater ihr ein Auto geschenkt. Sie hatte gewußt, daß das geschehen würde, seit sie fünfzehn war. Manchmal war sie abends gefahren, nur zum Vergnügen, hatte sich vom Strom der roten Rücklichter treiben lassen, war wie hypnotisiert gewesen von den hellen, orangenen Lichtern, die die Bundesstraße säumten bis zum Horizont, sie vor der Dunkelheit beschützten. Sie mochte breite, gerade Straßen. Man konnte schnell fahren auf ihnen.
Sie malt ihre eigenen dunklen Wimpern über die farblosen der Fremden.
Mit neunzehn hatte sie ein Studium begonnen, Romanistik. Sie war immer so sprachbegabt gewesen. Alle Frauen ihrer Familie waren das, begabt für Sprache und Musik. Selbstverständlich hatte sie auch Klavier gespielt. Aber während des Studiums hatte sie damit aufgehört. Sie wußte nicht warum.
Sie belebt das blasse Gesicht der Fremden mit Tupfern von Rouge.
Sie hatte wenig Kontakt zu ihren Kommilitonen. Ja, sie waren zusammen tanzen gegangen, oder zum Sport, aber nie war jemand in die geräumige, ordentliche Wohnung gekommen, die ihr Vater für sie eingerichtet hatte, hatte Fußabdrücke auf dem hellgrauen Teppich im Flur hinterlassen, seine Jacke in den Sessel geworfen, war gegangen und hatte ein benutztes Glas, eine leere Weinflasche und Krümel auf dem Tisch zurückgelassen.
Sabine mochte Ordnung und gerade Straßen.
Sie mag die Augen der Fremden nicht, die immer noch auf sie gerichtet sind, obwohl sie jetzt nach einem letzten kritischen Blick das grelle Licht ausschaltet und geht, um das blaue Kleid anzuziehen.
Bernhard war der Sohn eines Freundes von Sabines Vater. Sie hatten sich auf dem fünfzigsten Geburtstag ihres Vaters kennengelernt. Er hatte sie zum Tanzen aufgefordert, wie im Buch, dachte sie, und nicht gut getanzt, aber ganz ordentlich. Sie erinnerte sich nicht mehr genau, wie ihre Beziehung begonnen hatte, aber es schien angemessen, eine Beziehung zu beginnen, und es hatte ihre beiden Väter gefreut.
Bernhard hatte Jura studiert, und an dem Tag, als er in die angesehenste Kanzlei der Stadt eintrat, die von einem Großonkel von Sabine geleitet wurde, hatten sie sich verlobt. Sie selbst hatte nach einem sehr guten Examen in einem Verlag gearbeitet – der Traumjob ihrer Kommilitoninnen, die heute Taxi fuhren und Leuten die Zukunft aus den Karten lasen – aber es nicht gemocht, es war unordentlich dort gewesen, hektisch, und ihre Kolleginnen waren ihr fremd geblieben. Sie kündigte den Job, als der Hochzeitstermin feststand.
Sabine dreht sich vor dem Spiegel. Das Blau leuchtet. Sie vermeidet die Augen der Fremden, die so blau sind wie der teure Stoff, aber heller, zu hell.
Sie heiratete ganz in Weiß, und alle Tanten schluchzten.
„Bist du bald fertig?“ ruft Bernhard von draußen, ungeduldig. Er haßt es, zu spät zu kommen, sagt er, selbst auf diese Parties, wo er nur hingeht, um Leute zu treffen, die man treffen muß in dieser Stadt, wichtige Leute, die Sabine anlächelt und mit denen sie spricht, wie man es von ihr erwartet.
Ein letzter Blick in den Spiegel, man sieht es noch nicht, denkt sie zufrieden, streicht mit den Händen über ihren noch flachen Bauch, und sie geht.
Die kalten Augen der Fremden in ihrem Rücken. Ich bin du, sagt die Fremde. Der Geist all dessen, was du nie warst. Und wie Geister sind, bin ich: kalt, ruhelos und allein. Ich bin du. Und eines Tages werden meine kalten, hungrigen Augen dich aus dem Gesicht deiner Tochter anblicken.

Ingeborg Denner