OK, wechsle die Rollen, tausch die Sichtweise. Raus aus der Position des wohlbehüteten Wohlstandkindes. „Mama, ich will Penner werden!“ Wie soll ich da auch was Aufrührerisches schreiben!? Mein Tagesablauf ändert sich natürlich drastisch. Meine Bleibe, Freunde, Besitztümer, auch meine so geliebte Plattensammlung. Alles weg. Ab jetzt wird mir der Marsch geblasen. Weiß aber nicht, wo die Musik spielt.

Um nicht völlig isoliert zu sein, begebe ich mich schüchtern zum Bremer Platz hinterm Bahnhof. Muss mein Revier markieren, mich der Hierarchie anpassen, mich in der Gruppe integrieren, etablieren. Sie ist mein letzter Halt. Uns alle verbindet der Frust, keine Bestimmung, keine Aufgabe zu haben. Denn wir wollen ihre Bestimmung nicht. Wir wollen keinen Platz in ihrer Gesellschaft. Das ist es, wonach ich mich gesehnt hatte. Totale Anarchie in Harmonie. Doch was ich in der Runde empfinde, ist Lethargie. Bekämpft wird die nach und nach mit Bier. Die Freiheit, die ich einatmen wollte, ist Hirngespinst. Hier wird nur Tabak eingeatmet. Unentwegt.
Nach 5 Bier komm ich ins Gespräch. Mein Gegenüber ein zerzauster, vollbärtiger, nicht wohlriechender, schlecht gelaunter Mitt-40er. Ich denk mir, das muss ein echter Freiheitskämpfer sein. Bestimmt 20 Jahre Revolution auf der Straße, im Kampf gegen Kapitalismus und falsch verstandene Demokratie. Voll daneben! Alles, was er noch raus bekommt, ist: „Brauchst du deine Flasche noch?“ Pfandsammler also. „Klar, nimm mit!“ Er lädt mich zu einer Diskussion über den organisierten Widerstand ein, denke ich, aber das, was ihn beschäftigt, ist, dass die Leute keine Pfandflaschen in die Altglascontainer schmeißen. Babylon geht die Substanz flöten. Geld wird weniger! Seine nächste Systemkritik ist, dass das Plastikpfand zu hoch ist, weil keiner Flaschen für 25 Cent wegwirft. Wie gesagt, Babylon geht das Geld aus. Die Felle schwimmen weg.

Ein paar Jahre bleib ich in der neu erworbenen Rolle. Bereite den Kampf der untersten Schicht vor. Zeit für Neues, schon Dagewesenes. Viel zu tun. Strategisch und realitätsnah wie mein neuer Freund, der mit betriebswirtschaftlicher Finesse den höchstmöglichen Gewinn des sich ihm bietenden Marktes erzielen will.
Dazu muss er auch mal neue Märkte erschließen, rate ich ihm. Er könnte zum Beispiel unbegrenzt die „Brötchen-hol-Tasten“ von Parkscheinautomaten drücken. Das ist kostenlos! Der Witz ist, auf der Rückseite sind ganz sinnvolle Coupons und Gutscheine drauf. Alles für lau. Dann könnte er sich im Nagelstudio verwöhnen lassen. Sich einen neuen trendy Haarschnitt verpassen lassen und danach neu gestylt gratis bei McDoof fressen! Er war echt beeindruckt.
Neue Zeiten. Er erzählt der ganzen Meute von meinem Einfall. Ich habe ausgesorgt. Jetzt bin ich das Alphatier. Meine Botschaft: Wir sind nicht abhängig, von Cent-Stücken zu leben, die sie uns aus Heuchelei und schlechtem Gewissen vor die Füße schmeißen. Schluss mit der Passivität. Es reicht nicht auszusteigen. Wir müssen was dagegen setzen. Alternativen finden. Alles ist schon irgendwo da, wir müssen es nur zuerst finden. Freier Markt. Alles geht.
Seit diesem geschichtsträchtigen Tag laufen in Münster nur noch gestylte, wohlriechende Obdachlose herum. Den Parkscheinautomaten sei Dank. Das währt nicht lange. Die Arschwichser von angepassten Spießbürgern werden neidisch. Die Parkscheinautomaten werden abgeschafft. Wir bleiben auf der Strecke, und die Pisser dürfen jetzt auch noch umsonst parken. Mieses Spiel. Aber wir sind ja nicht doof! Auf der Rückseite von Kinokarten gibt es die gleichen Gutscheine. Wenn also die hochnäsigen Studenten von ihrer abendlichen Hirnverblödung aus dem neuesten Hollywood-Streifen kommen, greifen wir die alten Karten ab. Das geht diesmal ein ganzes Jahr gut. Kein Wohlstand, aber Existenz gesichert. Ist das das, wonach ich gesucht hatte?! Keine Zeit für Träumereien. Die Kino-Kette Cineplex streicht die Karten mit Gutscheinen aus ihrem Angebot.

Jetzt gilt es, kreativ zu sein. Wir berufen das Penner-Parlament ein. Alle haben sich weitestgehend schick gemacht. Jeder, der eine Fahne hat, kaut Kaugummi, und die durch Nikotin vergilbten Raucherhände waren penibel im Aasee gewaschen worden.
Lassen wir das. Wir brauchen eine neue Geschäftsidee, die alles vorher Dagewesene in den Schatten stellen würde. Wir fangen klein an. Wir vernetzen uns via kostenloser Internet-Homepage mit den Obdachlosen dieser Welt. Im Forum kann jeder seine Idee kundtun, die es ermöglicht, das, was keiner braucht oder bemerkt, als Lebenssicherungsinstrument zu nutzen. Das jahrelange „sich über Wasser halten Müssen“ hatte die Penner kreativ werden lassen. Geniale Einfälle. Wir stürmen Ikeafilialen, sammeln gratis Kaffee, füllen diesen in Thermoskannen und verkaufen dies dann für teuer Geld in Starbucksbechern in den Innenstädten dieser Welt. Wir lassen uns scheren, verkaufen die Haare an Friseure, sodass die Feinen dieser Gesellschaft beim stolzen Tragen ihrer Perücken in Wahrheit das Haar derer tragen, die sie so verachten. Das beruht auf Gegenseitigkeit!
Von diesem Geld lassen wir uns auf das Wort Penner ein Patent anmelden. Jedes Mal, wenn von „Pennern“ die Rede ist, kassieren wir. Jeder wird plötzlich politisch korrekt. Wir sind nunmehr die Obdachlosen. Als diese stellen wir uns Tätowier-Studio-Azubis zur Verfügung, um Arschgeweihe stechen zu üben. Die sind vielleicht in Mode! Jede eingebildete Tussi, die sich ein solches aussucht, um irgendwie individuell zu sein, weiß nicht, dass irgendein Obdachloser dasselbe schon hat.
Ein weiterer aussichtsreicher Markt sind die Medien. Jede Soap bekommt einen Penner, weil eine damit angefangen hatte. In jeder Richtershow ist ein Penner präsent. Bei „Nur die Liebe zählt“ trauert ein Penner um seine wunderschöne Verflossene. À la Ditsche gibt es zahlreiche Formate, in denen Penner das Wochengeschehen kommentieren.

Da wir zur Beschaffung der durchaus großen Geldsumme so einige eigene Überzeugungen gebrochen hatten, gründen wir einen Fonds, der sich täglich vermehrt. Der Erlös geht an die Straßenkinder dieser Welt, denn denen geht es wirklich schlecht!
Neue Zeiten, Jungs!

Andi Substanz