Wenn es am Ende des Tunnels ein Licht gibt, habe ich es nie gesehen. Ich bin in der Dunkelheit geboren, in der Geisterstunde zu Mittwinter, und meine Eltern nannten mich ein „Kind der Nacht“, erst im Spaß und dann, da ich über ihre Späße nie lachte, im Ernst. Nicht „Sei artig!“ war der Satz, der mich durch meine Kindheit begleitete, sondern „Sei doch nicht so negativ!“
Aber wie hätte ich das jemals sein sollen, spürte ich doch die Dunkelheit in den Menschen und Dingen, sah doch das Ende von allem in seinem Anfang schon, sprach mit keinem, denn keiner sprach mit mir, sobald ich den Mund öffnete, sagte ich Dinge, die sie nicht hören wollten. Sie fürchteten sich vor der Dunkelheit, vor der Wahrheit, die ich sah, und behaupteten kühn und sinnlos, Wahrheit sei eine Kerze, eine Fackel, ein Licht. Aber wenn sie die Wahrheit aus meiner Dunkelheit hörten, nannten sie mich eine Hexe.
Ich verstand den Hinweis und begann, mich wie eine zu kleiden, schwarz, mit kaltem Silberschmuck und dunklem Augen-Make-up. Und die Mädchen aus meiner Klasse begannen, zu mir zu kommen, verstohlen, wenn niemand zusah, und mich Dinge zu fragen, ist er mir treu, liebt er eine andere, spricht er hinter meinem Rücken schlecht über mich? Ich gab ihnen die Antworten aus der Dunkelheit heraus.
Liebt er mich wirklich? fragte sie.
Ja, sagte ich. Im Moment.
Nicht für immer?
Nur für einen Tag noch, sagte ich.
Sie nahm Schlaftabletten an diesem Abend, und so hatte die Dunkelheit recht behalten.
Sie fragten mich, heimlich, nach Flüchen, Unglück für ihre Feindinnen, Nebenbuhlerinnen. Sie boten mir Schmuck, geschriebene Hausaufgaben, CDs. Ich nahm, was sie mir gaben, ich nickte und schwieg, und sie nahmen die Dunkelheit, die ich ihnen gab, und genug Unglück geschah ohne mein Zutun.

Ich mußte die Schule verlassen, als ich sechzehn war. Meine Noten waren gut, aber sie meinten, ich würde den Schulfrieden stören, sei eine Gefahr für ihre braven Kinder, Verführerin, Hexe. Das sagten sie nicht, aber das dachten sie, sie fanden Gründe, und ich mußte gehen.
Ich ging fort von daheim. Es fehlte mir nie an Geld. Mein Handel mit Dunkelheit gedieh, die Leute zahlten für das, was ich ihnen gab, für Dunkelheit und Schmerz.

Jahre vergingen. Ich kannte Leute. Ich konnte beschaffen, wonach es sie verlangte, Drogen, Waffen, Geheimnisse, verbotene Bücher und Filme, Menschen, die in das Schema von ‚Zerstören‘ und ‚Zerstörtwerden‘ paßten, Täter und Opfer.
Während die Dunkelheit tiefer um mich wurde, sprach sie mehr mit mir, sie verriet und zeigte mir mehr Wahrheiten. Wahrheiten, die auch mir weh taten, aber ich bin nie vor der Wahrheit geflohen.

Wenn es ein Licht am Ende des Tunnels gibt, habe ich es nie gesehen und nie vermißt. Ich lebte gut in meiner Dunkelheit.
An einem Tag ging ich in Geschäften hinaus, als die Sonne noch am Himmel stand, was ich selten tat. Eine Sonnenbrille vor den Augen, doch blind wie eine Eule bei Tag.
Und an einer Ecke lief ich in jemanden hinein, dessen Licht so hell schien, daß die Sonnenbrille meine Augen nicht mehr schützte und ich mein Sehen und mein Wissen verlor. Er war so blind wie ich in seinem eigenen Licht, sah nicht die Nacht um mich, entschuldigte sich und begann ein Gespräch mit mir, wie Menschen es tun. Blind und ohne Wissen antwortete ich, und am Ende hatten wir uns unterhalten, bis die Sonne sank, er gab mir seine Adresse, und wir verabredeten uns.

Die Nacht kam endlich, aber sein Licht verfolgte mich, spielte vor meinen Augen, verwirrte mich. Aus Träumen von Licht fuhr ich hoch, erschrocken, verängstigt. Ich machte Fehler, die ich nicht hätte machen dürfen. Drei Nächte.
Drei Nächte, dann trafen wir uns wieder.

So oft schwor ich mir, ihn nicht wieder zu sehen, so oft brach ich den Schwur, eine Motte, die, vom Licht angezogen, in ihren Tod fliegt.

An einem hellen Nachmittag sagte er mir, daß er mich liebe.
Das Licht flammte so hell, traf mich wie ein Schlag, und ich floh, rannte, rannte in meine große Wohnung mit den schwarzen Vorhängen.
„Ich liebe dich nicht“, sagte ich, aber die Dunkelheit sagte zu mir, du lügst. Du liebst ihn, du willst sein Licht, du kleine Motte. Du willst sein Licht, und du wirst darin verbrennen, Kind der Nacht, meine Tochter.

In dieser Nacht, als die Glocke zwölf schlug, sprach ich den bindenden dreifachen Fluch aus, den Todesfluch, und die Dunkelheit sah aus freundlichen Augen auf mich.
Am nächsten Tag las ich in der Zeitung von seinem Tod in einem bizarren Unfall, an dem er keine Schuld trug.
Ich erwartete, in meine Dunkelheit zurückzukehren, wieder aufgenommen zu werden, aber es gelang mir nicht. Das Licht war noch da, frei jetzt, es hatte mich überlistet, suchte mich heim wie ein Geist.

Ich bekomme es nicht aus meinen Gedanken. Ich bekomme es nicht aus meinem Herzen. Es brennt, es tut weh, und ich will mehr davon. Ich will aus der Dunkelheit heraus, will ein anderes Gesicht, ein anderes Leben.

Wenn es am Ende des Tunnels ein Licht gibt, habe ich es nie gesehen. Was nicht heißt, daß ich nicht danach suchen kann.

Ingeborg Denner