Ich sitze hier vor meinem vollem-leerem Glas und will es zerschlagen, und ich finde: Das ist Literatur! Das ist Schöpfung! Das ist Kreativität! Und ich brauche auch gar nicht das Wort Kunst dafür in den Mund zu nehmen! Denn ich will keine Zertrümmerungsbilder malen, sondern Bilder machen, die zertrümmern.
Ich will zertrümmern und Zertrümmerung schreiben. Nicht irgendein bloßes Zertrümmern, zum bloßen Vernichten. Nein, ich will eine Zertrümmerung, die von innen heraus ausbricht. Eine kreative Zertrümmerung, die etwas bedeutet.
Keine Zertrümmerung, die sich einfach auf etwas stürzt, auf etwas loslässt und sich an etwas festbeißt! Ich will Zertrümmerung, die aus etwas ausbricht, die sich aus ihrem Haus heraus selbst zerbricht.
Gebäude, die beim Mikado-Spielen verlieren, Brot, das aufgeht, weil es in sich selber zusammenbricht, und ein Fieber, das brennt, weil es keine Feuerwehr braucht. Ein Zerbröseln des Konzepts in ein anderes: The world’s not round, it’s cracked. Es kann sich nicht immer ewig weiterdrehen. Es muss auch weitergehen.

Überall bleibt man stecken, weil jeder bei sich seine Formel gefunden hat, um alle anderen auf der Welt als introvertiert, in sich gekehrt zu verschreien. Vor allem die Cliquen, die Stammtische und auch einzelne Stammkunden, die sich gegenseitig mit Gerüchten markieren, wie Hunde ihr Revier.
Alles steht still, und selbst die ewigen Partys sind nichts weiter als ein regelmäßiger, ewiger Stillstand. Was heißt hier bitte schön sein Leben leben? Jeden Augenblick genießen und nutzen? Wenn ja, dann will ich auch meine Qualen genießen, meiner Angst in die Augen sehen und meiner Wut freien Lauf lassen – wer sagt, dass es nur ein Glück gibt? Wer sagt, dass Lächeln, Lästern und lustvoll Stöhnen das einzige Glück auf Erden ist?
Eltern belächeln ihre Kinder, wenn sie träumen, obwohl sie überglücklich sind und werden, wenn diese endlich laufen lernen. Später wird die Jugend lächelnd über das Alter der Eltern spotten, bis diese tot sind und nur die neue Jugend übrig bleibt, sie also ihre Jugend vermissen.
Die Kulturpompösen definieren die Kultur über die Toten oder noch Halb-Lebenden, die Bücher schreiben, Bilder malen oder Skulpturen schmelzen. Seitdem man endlich eingesehen hat, dass die Barbaren, Wilden und Primitiven auch zivilisiert sind, sind wir eine Kultur, keine Zivilisation mehr, sondern eine Kultur, denn die Kultur ist die einzige Zivilisation, die wir noch haben. Und innerhalb dieser Kultur sehen wir ein, dass wir selber zivilisiert sind, bis wir jemanden treffen, der schäbiger zu sein scheint als wir – dann ist er es nicht. Wir jedoch bleiben zivilisiert. Ob wir nun Reiche sind, die Obdachlose verachten, oder Politiker, welche ihre Gegner belächeln. Ob wir nun Arbeiter sind, die Intellektuelle, oder Intellektuelle, die Arbeiter ebenso verlachen – das ist Kultur. Das ist Zivilisation, und ich will sie zertrümmern. Denn darin ist kein Platz für mich.

Ich gehöre in keine Schublade. Allein der Kleiderschrank ist mir viel zu eng. Und ich gehöre auch nicht zum Mobiliar eures Lebens. Weder muss ich euch den Rücken zukehren, noch muss ich mich abkehren.
Eine Position beziehe ich. Aber es muss weder eine sein, die euch gefällt, noch eine, die ihr überhaupt kennt. Meinetwegen zertrümmere ich auch mich selbst. Da könnt ihr auch noch so viel lachen, wie ihr wollt – solange etwas aus mir herauswächst, das nicht eures ist, sondern allein meines ist, ist euer Lachen bloßer Schall.

Wer will mir sagen, dass ich kein Penner sein sollte? Dass jeder Bettler nur aus Lumpen besteht, nicht auch aus kleinen Lachern? Und dass jeder Bettler unglücklich ist? Sollte ich einen Dachschaden haben, so werde ich den Teufel tun und ihn reparieren, schmücken oder ausweiten. Entweder richte ich den Dachschaden so ein, dass er mir als Balkon dient, mache einen Turm oder Wolkenkratzer daraus oder reiße das ganze Haus ein und fange neu an. Nur ein dummer Mensch glaubt, dass sein Haus fertig gebaut ist und ewig bleibt. Und ich selbst?
Ich gehe nicht davon aus, dass ich fertig bin. Ich gehe auch nicht davon aus, dass ich weise oder klug bin. Aber ich strebe auch nicht danach, dumm zu sein. Ich will nur immer wieder von Neuem wissen und lernen. Und hoffe doch sehr, dass diese Einstellung immer wieder aus mir ausbrechen wird. Nicht, dass ich nicht immer im selben schnöden Gehirn verbleibe, sondern, dass dieses Gehirn nicht immer allein in sich verbleibt.
Ich habe auch keine Lust, so in mir selber zu verbleiben und zu leben. Das ganze Insider-Leben lebt nämlich genauso, inside sich selber. Man mag als Außenseiter als noch so introvertiert gelten. Tatsache ist jedoch, dass Insider, weil sie Innenseiter sind, es noch mehr sind, und du es nur bist, solange du nur ein Außen bleibst, oder nur Insider deiner Selbst bist.
Trotzdem will jeder einem genau das einreden, gerade weil es um die Form, um das Außen geht. Es passt Menschen nicht, dass es ein Außen gibt, das sie nicht bestimmen, das heißt einordnen können, weil es von einem Innen kommt, das sie nicht sehen können. Dieser Mensch ist nicht gläsern genug, um ihn einsehen zu können. Etwas, was jene zwischen einander haben, hat dieser nicht in sich. Weil man zu faul zum Übersetzen ist, muss die Form stimmen. Aber die Form ist fremd.

Und der Fremde ist noch schlechter dran, wenn er das nicht versteht, wenn er seinem eigenen Ich genauso fremd gegenüber ist wie jene ihm. Im Grunde ist das Fremde das einzig Selbstverständliche. Aber beide Seiten empfinden das Umgekehrte, das Bekannte als selbstverständlich. Ihre letztlich erst ureigen gemachte Norm ist das einzige, mit dem sie übersetzen. Das Totem des Denkens erwächst nicht mehr aus der Welt, die Vorstellung der Welt erwächst aus dem Totem des Denkens.
Wenn Der Fremde (L’Ètranger) von Albert Camus letztendlich seinem Tod entgegen wartet, so deshalb, weil er, in seinem Verständnis der Welt, seinem Umfeld, und der Welt, so wie die anderen es verstehen, fremd ist. Seinen eigenen Tod nimmt er genauso gelassen hin wie den Tod seiner Mutter. Die Liebesbeziehung, die er hat, die nur eine Körperbeziehung ist, ist für ihn eine Tatsache, aber nichts Ungewöhnliches.
Die gefühlslose Annahme seiner Freundin befremdet jedoch nur, weil wir diese Hinnahme tagtäglich jedem gegenüber ausüben, weil wir unsere Gefühle und Anschauungen genauso als die Welt betrachten, wie er seine. L’Ètranger befremdet also, weil wir meinen, dass er die Welt nicht so wahrnimmt, wie sie ist. Weil wir meinen, dass er die Welt und ihre Konsequenzen nicht begreift. Aber das Fremde ist, dass er sie nur allzu sehr begreift, aber sie genauso hinnimmt wie wir unseren Alltag, unseren alltäglichen Tod. Das Fremde an diesem L’Ètranger – das ist jeder, der ihm begegnet, und er gegenüber jedem, dem er begegnet. Und es bedarf der eigenen Entfremdung, um das zu verstehen.
Eine Entfremdung, die man mit dem Löffel vom Untergrund seiner Tasse aufrühren muss. Und es ist genau diese Entfremdung, dieses Èstrange, die einen besonderen Geschmack in deinem Kaffee ausmacht und die so genannte Melange ersetzt. Ein Geschmack, der merkwürdig, „strange“ ist, aber genau deswegen zertrümmernd wirkt. Denn das Èstrange kommt plötzlich und zwar in Mitten des Bekannten, des Selbstverständlichen, und von daher: von Innen heraus. Es ist etwas schüchtern. Man sagt auch gern verklemmt oder in sich gesperrt. Aber das liegt auch nur daran, dass man es gern im Selbstverständlichen einsperrt. In Wahrheit geht sein Geschmack auch jenseits der Kaffeetasse.
Das Èstrange, diese merkwürdige Mischung, die auf Englisch einmal strange und nochmal estrangement, also Entfremdung bedeutet. Wie gesagt, es ist merkwürdig, aber auch nur, weil es entfremdet – the Èstrange estranges. Aber es ist auch das Ètrange des französischen, das Fremde an sich.
Wie das estrangement entfernt es einen von einer Sache, die man bekannt glaubte, aber wie dem Ètrange des Französischen begegnet man ihm auch direkt. Allein das Wort als Neologismus des schon Bekannten besitzt einen merkwürdigen Beigeschmack. Denn auch das Èstrange ist tatsächlich eine besondere Gewürzmischung der Wirklichkeit, die man täglich mit seiner Tasse herunterschluckt. Eine Mischung des nicht mehr Erkennens (estrangement) und des Kennen Lernens (Bon Jour, Monsieur Ètranger!).

Èstrange – es ist nötig, wenn man die Welt wirklich so sehen will, wie sie ist, wenn man aufhören will, sich einen Traum zu bauen. Viel zu oft schwärmt der so genannte Kultur-Mensch von einem solchen Traum, von einem tieferen Sinn, einem Kellerloch, in dem er sich bedenkenlos einnisten kann, weil es nach dem Himmel aussieht! Bilder, die den Horizont erweitern! Als hätte ein guter Bilderrahmen jemals einen Horizont erweitert! Selbst ohne Rahmen, wie soll gerade ein Bild diesen Horizont erweitern, wenn es ihn malt, bemalt oder gar aus sich selber herauslässt?
Doch der so genannte Kultur-Mensch sehnt sich nach dem Tiefsinnigen. Er sucht es überall, auf der Oberfläche des Bildes, im Echo der Töne oder in den Wörtern, die leider auf, nicht im Blatt gedruckt sind. Aber es darf nicht zu negativ sein. Es muss positiv, ein Surplus sein, etwas Konstruktives – mit anderen Worten: Im Falle eines gesamten Dachschadens muss der Dachschaden geflickt oder ausgeweitet werden, statt abgerissen zu werden.
Das Negative, man fürchtet es, weil es Dissonanz, nicht Harmonie ist. Die Zertrümmerung soll sich darum scheren, sagt man. Aber wenn sie das täte, wäre es keine Zertrümmerung mehr. Es wäre eine einseitige Literatur: ein ewiges Konstrukt und Konstruieren.
Ein Haus, das man zu einem Palast ausschmückt, obwohl es keines ist, eine Wahrnehmung, die nur in eine Richtung geht, aber sich um sonst nichts schert. Wer eine solche Literatur will, eine solche Kunst, will einen Maskenball, bei dem er sich selbst einkleiden und verkleiden kann. Er oder sie will vor den Seuchen der Zeit fliehen. Was Edgar Allen Poe jedoch den roten Tod nennt, schleicht sich trotzdem in den Ball ein.
Das Prinzip der Dissonanz, das Wolfgang Borchert nach dem zweiten Weltkrieg in einer Welt voller Trümmer besang: „Wir werden weinen, scheißen und singen, wann wir wollen.“ Es wird vergessen. Die Dichter der schlechten Grammatik werden vergessen. Es gilt zwar nicht mehr so der gute Ausdruck, wohl aber, dass es angenehm, vergnüglich ist, genau in den Verdauungstrakt passt – also einrahmbar ist.

Aber ich will keine tausendseitige Metapher schreiben! Kein Gebilde, bei dem man nicht genau weiß, worum es geht! Das Vage, das Abstrakte, das nicht allzu Deutliche! Wozu soll ich das denn, bitte schön, so deutlich beschreiben?
Nein, ich will deutlicher als deutlich schreiben und daraus von innen heraus zertrümmern. Ich will in meine eigene Wohnung einbrechen und die Fenster zertrümmern, damit sie, wenn sie geschlossen sind, nie wieder meine Luft ersticken können! Ich will die zweite Etage, in der ich wohne, so sehr zertrümmern, dass sie zurück auf den Boden der Tatsachen fällt und ich mit ihr! Das ist Zertrümmerung! Das ist Literatur!
Nicht der ewige Surrealismus des erwägbaren, zu erwägenden Gedankens, sondern das Buch, das dich dazu zwingt, aus ihm selbst aufzuschauen! Das Gedicht, das du vor lauter Weinen nicht mehr lesen kannst! Das Theaterstück, das dich dazu zwingt, nicht die Welt als Bühne zu betrachten, sondern endlich von deinem Zuschauersitz aufzustehen und dich auf dieser Bühne, nämlich der Welt, noch einmal von vorne umzusehen!
Und wenn es doch einen Surrealismus in dieser Literatur geben sollte, dann einen, der uns dazu zwingt aufzuwachen. Jeder Traum ist nur so viel wert, wie er wach macht.

Wozu die ganzen Gebildeten, wenn sie nicht durch ihre Ausbildung aufwachen und mit ihrem Wissen endlich etwas machen? Die Intellektualität, man sollte sie abschütteln – wozu Intellekt, wenn man Intelligenz besitzt? Und wozu die ganze Arbeit, die Strapazen, die Sorgen, die Angst um das Überleben, als Arbeiter, Arbeiterin, wenn wir uns danach nur noch Schlafen legen oder den Alltag mit dem nächstbesten Pint runterschlucken? Leben wir nur, um zu überleben? Leben wir nur, um alt zu werden? Ich will zertrümmern.

Viel zu oft trinken wir von der Oberfläche unserer Tasse! Ich aber will aus der Tiefe trinken! Ich will den ganzen Geschmack des Lebens auskosten, nicht bloß seine Facetten, sondern seinen Inbegriff! Und wenn die Zertrümmerung das Erschaffensbild dieser Lust am Leben, trotz allen Leidens, ist, so deshalb, weil sie Inbegriff der bricolage, des mythischen Bastelns ist.
Aber diese bricolage ist nicht unsere bricolage, obgleich es die bricolage ist, wie Lévi-Strauss sie als Bebauung des Mythos beschreibt. Sie ist die bricolage des Lebens, die aus unserem Schaffen mit hervorgeht. Und wenn wir daran teilhaben, so deshalb, weil wir immer wieder zertrümmern! Weil wir niemals einfach nur bei unserem Mythos und Lebenskonzept bleiben, sondern die Tapete, die wir uns selber von der Welt malen und über sie kleistern, immer wieder durchbrechen und abreißen! Weil wir mit unserem Denken, Fühlen und Erfahren nie aufhören werden – sondern beständig aufleben werden! Wildes Denken statt gezüchteter Gedanken! Das ist das Geheimnis einer guten Zertrümmerung, das Geheimnis der Kreativität und Literatur.

Daniel Schulz