Über die Rampe ins Innenfutter der Notaufnahme geschleust, zeigt der Patient keine Bedenken, eher strenge Disziplin, die er sich von den weißen Arztkitteln abschaut, seine Gedanken umrundet vom enger werdenden Kreislauf des Personals, das mit ausgesuchten Worten zum Krisenfall vordringt. Weil es gilt, Übergänge zu schaffen und Antworten als Desinfektionsmittel bereitzustellen.
Keine Störung der durch Zuständigkeiten abgesteckten Gravitationsfelder, alles läuft routinemäßig, keine längeren Distanzen zwischen Aktenlage und Hirnrinde. Der Raum zu geraden Linien zusammengenäht, die Beleuchtungen geben keine Abgründe preis & das Personal ist gewohnt, den Schmerz gründlich einzuweisen, auch die Geräusche hinterlassen keine unnötigen Ballungen oder Blutflecken, etwaige Rückstände sind sofort und umstandslos zu entfernen, wenn die Imprägnierung des Körpers beginnt.
Immer wieder die am Denken entlanggezogenen Geraden, ob Flure oder Straßen, & wie angeschraubt saubere Welten mit darin aufgelösten Menschen, gestaffelten Bettgestellen & Raumgeweben ohne Krater, geordneten Ängsten. Hier wie dort jene bis zur Bruchfestigkeit vorgefertigten Ideen, Arrangements, Balancen.
Die Uhrzeiten scheinen sich ohne ersichtlichen Grund abzuwechseln, unter rascher Aufwendung von Brechschalen gelingt im Übrigen ein nahezu richtungsweisender Auswurf, die sachgerechte Entwirrung des Patienten & die allmähliche Überleitung zu Denkformen mit ans Bettgestell fixierten Körperteilen, keine Havarien, die meisten Utopien verhalten sich überschaubar, entsprechend der Zimmerverteilung, der Selektion nach Altersgruppen und Pflegesatz.
Pflegefälle und Sterbensabläufe werden in Sonderräumen kultiviert, was die Abwicklung immens bereinigt.

Morgens sind Prämissen brustfrei zu inhalieren. Bis es gelingt, sich der Wirklichkeit schlüsselfertig zu übergeben.
Ohne Lärm finden Mahlzeiten statt oder Eingriffe, verschwinden Stimmungen und Brustkörbe unter in fester Rangfolge abgeleisteten Handgriffen. Logistik. Ereignisstaffetten. Der ganze Erfahrungsbankrott. Schnabeltassen, je nachdem. Nichtsdestotrotz einen Gedanken ans Fenster anbinden und warmhalten oder ihn wie einen Film einlegen zwischen den Fingern, den Blick hindurchtreiben, bis Blut kommt: Perspektiven schaffen, nachlassende Betäubung vielleicht. Oder den Blick durchs Fenster fausten ins Gesicht eines Nachmittags, aus einem stärkeren Pulsschlag heraus.
Ohne größeres Aufsehen werden die Verluste abtransportiert. Die Toten verlagern sich nach unten, liegen dort dicht beieinander, als wären sie verabredet, oder als ahmten sie sich gegenseitig nach. Das wars dann, Ende, das heißt: Der Schmerz geht in den Nebenraum, sich umziehen.
Überleben meint, sich im Maßstab 1:10 ausleben, die Hoffnung bei Tisch ganz aufessen, sich Erinnerungen, Berührungen oder sonstwohin sich eine Richtung verschaffen: Solange also pulst Blut noch durch die Vorhänge der Herzklappe, wird vorwärts und rückwärts apportiert.
Dann wieder liegt das Schweigen enger am Hals, wirken Gesichter wie abgemagert, die Haut über einer Einsamkeit bis zum Zerreißen gespannt – das Stillhalteabkommen scheint überall dasselbe. An manchen Ängsten treiben die Nächte langsamer vorbei.

Bis das Glück im weißen Kittel daherkommt und neue Spritzen verteilt voll glasklarer Gewohnheiten, die tägliche Dosis Morgen, Mittag, Abend. Man lernt, sich die Einstiche an unauffälligen Stellen zu setzen. Die Tage verschwinden in naßfarbenen Städten mit ihren selbstreinigenden Stadtteilen, wo kein Bulldozer sich in Bierdeckel verwandelt.
Die Zeitungen melden: In Zukunft kein Pollenflug.

Ralf Burnicki