Ich wurde von dem üblichen Getöse vor meinem Fenster geweckt. Halb acht, dachte ich verschlafen und wütend, und: Wenn die ihre verdammte Schnellstraße schon vor meinem Haus bauen müssen, können sie’s nicht wenigstens leise tun? Wenigstens morgens um halb acht?
In solchen Momenten wird man, glaube ich, zum wahnsinnigen Bombenleger.
Ich vergrub meinen Kopf unter dem Kopfkissen und kam zu dem Schluß, daß ich ganz so weit noch nicht war. Außerdem explodieren bei mir nicht einmal Silvesterknaller mit dem richtigen, zufriedenstellenden ka-bumm.
Das heulende Motorgeräusch brach abrupt ab. Statt dessen hörte ich ein seltsames Knistern, wie eine Brücke bei Frost, und dann ein kawumm-klirr-fauch, das meine kühnsten Bombenlegerträume übertraf. Etwas Kleines flog durch die Scheibe und setzte den Teppich in Brand. Ich sprang eilig aus dem Bett und erstickte das Feuer mit einer Wolldecke. Meiner besten Wolldecke, und nebenher meiner einzigen. Dann sah ich aus dem Fenster.
Der große, gelbe Bagger, diese infernalische Lärm-mach- und Tulpen-Vernichtungsmaschine, die mich über Wochen terrorisiert hatte, war ein brennendes Wrack. Ein ziemlich flaches, brennendes Wrack. Triumphierend hockte der Sieger dieser Schlacht der Giganten auf dem Baggerkadaver: ein UFO.

Ich habe immer gewußt, daß sie eines Tages kommen würden, um uns zu retten. Ich habe alles darüber gelesen, die Bücher von Däniken bis Langbein, die Zeitschriften, die ich mir zum Teil aus Amerika kommen ließ, und ich habe das Video gesehen über den Außerirdischen von Roswell, den die NASA (oder war es die CIA?) versteckt hält. (Nicht ganz allerdings, bei der Sezierung ist mir schlecht geworden.)
Ich hatte jeden Tag mit ihnen gerechnet, während die Schnellstraße weiter und weiter auf mein Haus zukroch und der Lärm der Baumaschinen mich Tag für Tag nicht schlafen ließ, bis ich schließlich bei der Arbeit einschlief. Das ganze Kino saß zehn Minuten im Dunkeln, bis mein Chef in mein Kabuff stürmte und mir gerade noch erlaubte, die Rolle zu wechseln, ehe er mich rauswarf. Der Film hieß „E.T.“, und das war bestimmt ein Zeichen.
Und heute waren sie endlich gekommen.
Ich rannte heraus in meinem besten (und einzigem) Schlafanzug, der jetzt nach verbranntem Teppich stank, um die Außerirdischen zu empfangen.

Nur ein Außerirdischer verließ das UFO. Er war klein, trug einen weißen Raumanzug mit vielen Antennen und einem Visier im Helm, hinter dem ein sehr außerirdisches Gesicht war. Er sah ein bißchen so aus wie in dem Video, die Augen waren etwas kleiner, und er hatte vorstehende Vorderzähne.
Aus einem Gerät an seinem Helm kamen ein paar Knack- und Zischgeräusche und dann ein verständliches: „Ich grüße dich, Mensch der Erde. Ich komme in Frieden. Bring’ mich zu deinem [zisch, knack, knarz] König.“
Ich zögerte nicht einen Moment. Schließlich hatte ich nicht umsonst Jahre auf diesen Augenblick gewartet.
Ich bin der König dieses Planeten“, sagte ich streng. (Mein bester Schlafanzug hat goldene Streifen, das half.) „Und du hast“, – ich wies auf die traurigen Überreste des Baggers –, „einen meiner treuen Diener vernichtet, der an meinem Hof seiner ehrlichen Arbeit nachging!“
Der Außerirdische lief lavendelfarben an und machte eine komplizierte Geste mit den Händen. „Ich erflehe vielmals Eurer Majestät Vergebung! Wie kann ich dieses Unheil wiedergutmachen?“
Mein Blick fiel auf die lange Schneise der Schnellstraße. „Mein Diener war dabei, diese… Abomination auf dem Angesicht meiner Welt zu zerstören. Wenn du seine Arbeit vollendest, werde ich vielleicht beginnen, dir zu verzeihen.“
Der Außerirdische verschwand in seinem UFO. Einen beeindruckenden technischen Ausbruch später war von der Schnellstraße nur Erde übriggeblieben und Staub, der sich langsam setzte.
Ich empfing den Außerirdischen bei seiner Rückkehr etwas besänftigt – aber so schnell werde ich den Tod meines Dieners nicht verzeihen. Schließlich gibt es immer noch viele Schnellstraßen. Meine Arbeit als König dieses Planeten hat gerade erst begonnen.

Ingeborg Denner