Leg‘ die Hand auf die Bibel
Schwöre, dass du bist, wer du bist
Gib dich souverän überzeugend
So, als ob dein Wort wirklich gilt

Erkläre dich an Eides statt
Und dass du Referenzen hast
Ansonsten bist du schnell wieder weg

Sieh in ihre kalten Gesichter
Und lächle, wenn du mit ihnen tanzt
Schieb‘ dich in die bess’re Gesellschaft
Schmink dich und verstelle dich ganz

Beweg‘ dich nicht natürlich
Sondern sexy und verführerisch
Ansonsten liegst du wieder im Dreck

Definiere deine Wege als Ziele
Beachte, dass man dich nicht verlacht
Sei niemals wirklich ehrlich und herzlich
Sonst beschleicht sie noch ein leiser Verdacht

Gib‘ dich intercool und internett
Du kriegst den Besten in dein Bett
Gefühle lässt du besser ganz weg!

Während du aufwachst, die Kaffeemaschine zu brummen beginnt und du ein stilles Gebet formulierst – bittend um eine kleine halbe Stunde weiteren Schlafes – wird gemeldet, dass die konjunkturelle Zuversicht im Land gestiegen ist. Es wird ein Prozentwert genannt, doch dafür ist es jetzt noch viel zu früh für dich.
Während du frühstückst, kommt ein Aufsichtsrat zusammen, um über die Zukunft des Unternehmens, die Verschlankung der Verwaltung und die Freisetzung einer nicht unerheblichen Anzahl von Mitarbeitern zu beschließen.
Während du deiner Beschäftigung nachgehst, wird das Bedauern über die ökonomisch notwendigen Schritte schon formuliert. Derweil debattiert man weiter.
Während deiner Mittagspause ist eine nicht unerhebliche Zahl von Entlassungen bereits beschlossene Sache. Du bemerkst nicht, wie die Medien sie verkünden, ohne dass jemand dementiert. Wahrscheinlich wirst auch du noch heute darüber informiert, vorausgesetzt, es passiert nichts Schlimmeres.
Bis zu deiner Nachmittagspause mit Kaffee und einem kleinen Stück Kuchen sind die Aktienkurse um sagenhafte drei Punkte gestiegen. Der Aufsichtsrat versucht inzwischen, Zuversicht und Bedauern in eine Formulierung zu bringen; die Entscheidung war ökonomisch gesehen richtig.
Während du nach Hause kommst, dir die Abgeschlagenheit durch die Knochen geht, als dir einfällt, was du beim Einkauf alles vergessen hast, während du daran denkst, dass es gut für dich wäre, heute einmal früh zu Bett zu gehen, während du den Klang des Weckers morgen in aller Herrgottsfrühe schon jetzt verfluchst, klappen die Herren vom Aufsichtsrat zufrieden ihre Laptops zu und ihre dunklen Limousinen sind schon vorgefahren.
Während du dich auf deine Couch legst, entscheidest du dich für eine Nachrichtensendung im Fernsehen:
Ein gepflegter Herr im Anzug nimmt zugleich bedauernd und zufrieden Stellung zur Erfolg versprechenden Entscheidung, die leider die Freisetzung tausender Mitarbeiter erforderlich macht.
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Du beschließt, morgen eine halbe Stunde früher aufzustehen und – wie so viele im Land – konjunkturell zuversichtlich zu sein.

Das eiskalte Wasser egoistischer Berechnung
Das eiskalte Wasser egoistischer Berechnung
Im eiskalten Wasser egoistischer Berechnung
Schwimmst auch du!

Christian F.