Der Regen! –
Er prasselt die Nacht hindurch auf die Straßen, als wolle er sie für begangenes Unrecht bestrafen, dafür, dass er nicht mehr vom saftigen Grün des Sommers in Empfang genommen werden kann.
Aber es ist ohnehin schon Herbst.
Die Straßen ihrerseits tragen die Trauer über die ihnen anhänglichen Verbrechen mit herabsetzender Würde; der Asphalt saugt, rissig geworden, das Wasser in sich auf.
Das Gedächtnis bröselt dahin …

Ein alleinstehender Baum will der Straße bislang nicht weichen.
Der Baum hat vielleicht bessere Tage gesehen. Seine Blätter haben ihn längst schon verlassen, untreu geworden nicht nur, weil der Herbst sie dazu treibt.
Der Baum kennt keine Geheimnisse; er hat nicht die Weisheit des Alters. Er steht nackt da, nicht so, wie die Natur ihn schuf. Sondern der Mensch. Also doch die Natur. Wenn man es genau nimmt. Aber was sollte man schon genau nehmen?

Der Baum schaut auf ein altes Haus, zumindest könnte man es so interpretieren. Auch wenn dieses sich unterwürfig in eine Reihe gleichgestalteter Artgenossen einordnet, erscheint es einsam.
Es genügt sich nicht. Es ist nicht beseelt. Es lebt kaum. Nur manchmal fließt gleißendes, gelbliches Blut spät abends durch seine versteinerten Adern, von außen durch die Poren, euphemistisch Fenster genannt, sichtbar. Das Licht erlischt aber wieder schnell, als sei die Heimstätte geheim zu halten.
Den altehrlosen, weil ungerührten Mauern konnten selbst Krieg und saurer Regen nichts anhaben, scheint es. Das Haus, in dem es, wie es heißt, spukt, spuckt bisweilen Insassen aus, die ihm aus der Fassade gemeißelt sind. Dann spritzen Blutstrahlen durch die Tür, bis die Helligkeit stirbt.
Beton, es kommt darauf an, dass man sich nichts daraus macht. Könnte man denken.

Unter dem Baum wird ein Schatten geworfen, der nicht zum Baum gehört.
Vielleicht vermag der Schatten Verschwiegenheit auszustrahlen, ein Geheimnis mit sich zu tragen. Er scheint unter dem Baum, unter dessen dürftigen Verästelungen Schutz zu suchen, wobei es eigentlich nichts gibt, worunter er sich hätte stellen können. Der Schatten ist nicht allzu lebendig, aber immerhin so, dass man ihn, sofern man gewollt hätte, hätte erkennen können.
Er gehört einem Menschen, dieser Schatten.
Der Mensch ist vollkommen durchnässt, will sich aber nicht fortbewegen. Noch nicht. Darin, in seiner Unbeweglichkeit, in seiner Unbewegtheit gleicht er auf eigentümliche Weise seinem schwachen Beschützer. Der Baum mochte bessere Tage gesehen haben. Hat der Mensch selbst auch bessere Tage gesehen? Der Mensch hat starke, schwächende Zweifel.
Der Regen könnte den Menschen eigentlich veranlassen, einen wirksameren Schutz zu suchen als diesen alten Baum.
Dieser Mensch ist ein nicht mehr ganz junger Mensch; es wäre gleichviel übertrieben, ihn als alt zu bezeichnen. Möglich, ihm ein mittleres Alter zu unterstellen, vorausgesetzt, seine Lebenserwartung betrüge achtzig Jahre.
Diesen Menschen meine ich – soweit das geht – zu kennen. Dieser Mensch bin ich.

Der Baum und der Mensch haben noch eine Gemeinsamkeit: Sie schauen beide auf das Haus.
Dieses Haus meine ich – auch dies im Rahmen des Möglichen – zu kennen.
Und vor allem kennt es mich, erkennt mich am metallenen Fingerabdruck, am Haustürschlüssel, den ich mit mir führe, als wäre er eine Art Maskottchen, dessen Verlust mir das Zuhause nähme.
Dieses Haus ist nicht mein Zuhause. Es ist nur eine Wohnstätte, kein Ort zum Geborgen-Sein geschweige denn zum dezenten Erfühlen des Heimischen. Ich bin nicht heimisch; es ist mir unheimlich.
Es erweckt den gefährlich trügerischen Eindruck, das Einzige zu sein, dass ich in dieser Stadt ansatzweise mein eigen nennen könnte. Dabei kann ich nicht einmal Sicherheit darüber erlangen, ob die Stadt denn überhaupt eine Stadt sei.

Dieses Haus gehört mir nicht; ich fürchte, ich gehöre ihm. Mein Appartement, 29 Quadratmeter, 290 kalt, füttert mit seiner Enge meine Ängste. Zum Stillstand zwingen laufende Kosten: Miete, Strom, Wasser, Gas, Müllentsorgung, …
Ja, dieses Haus kenne ich; es ist mir deswegen noch lange nicht vertraut. Fremd bin ich in ihm geblieben. Und es lohnt sich nicht, seine Innereien zu beschreiben, denn sie sind Innereien und somit für den weiteren Verlauf unerheblich.

Ich muss das Haus verlassen, weil ich in ihm verloren bin. Die Tür abschließen, mit allem abschließen. Mit dem Leben, das ich hier verbrachte, das brachlag. Fort muss ich.

Doch noch einmal lasse ich mich von ihm verschlucken, von dem Haus, das meine Erinnerungen frisst wie der Gilb Gardinen.

Jörg Siegert