Ich wurde 1961 in New York City geboren – vielleicht höre ich gerade deshalb bis heute verdammt noch mal gerne Jazz in einer verrauchten Bar bei einem guten Bourbon. Hey, ich weiß inzwischen natürlich, dass dieser Satz scheiß cool klingt, aber er ist leider gelogen. Doch in Rheine geboren zu sein, Chart-Futter auf Radio Antenne zu hören und dabei wie ein Aquaholiker dauernd stilles Wasser zu trinken, ist im Gegensatz dazu so dermaßen uncool, dass es schon fast wieder cool ist. Ich weiß das übrigens von meiner Tochter, die sich mit dem Katechismus der Coolness auskennt.

Am Anfang stand übrigens eine Aufforderung meinerseits, sie solle endlich ihr Zimmer aufräumen. Beim Anblick, der sich mir hier bot, hatte ich Angst bekommen, irgendwann in einer RTL-II-Reportage über Messies und Mietnomaden zu landen oder womöglich im Flur einem Kampfmittelräumdienst der Bundeswehr zu begegnen. „Oh, Mann, du bist ja so was von uncool“, wirft sie mir darauf hin vor, ohne dass ich unmittelbar einen Bezug herstellen kann. Ich erinnere mich zwar an eine Schokoladenwerbung, in der eine Art Alm-Öhi irgendwas in lila in die Kamera hält und behauptet: „It’s cool, man!“ – aber hatte sie das gemeint? Recherche war von Nöten.
Wikipedia, der Schlaumeier, behauptet, „cool“ sei ein – ich zitiere – „jugendsprachliches Wort zur Kennzeichnung von als besonders positiv empfundenen, den Idealvorstellungen entsprechenden Sachverhalten, gebräuchlich im Sinne von ‚schön’, ‚gut’, ‚angenehm’ oder ‚erfreulich’“. Eines war ja mal sofort klar, egal, was „cool“ auf deutsch auch heißen mag, in der Originalsprache klingt es jedenfalls irgendwie… cooler.

„Zimmer aufräumen“, erklärt also meine Tochter, „ist echt nicht so richtig cool.“ „Eine richtig coole Sau“, sagt sie, „räumt nicht auf – sie zieht einfach um.“ Ich schaue verständnislos und frage: „Was meinst du mit cool?“ „Ganz einfach“, sagt sie, „stell dir eine Frau vor, die in Manolo-Blahnik-Schuhen in einer Hotel-Lounge ‚Caipirinha’ schlürft. Die ist doch wohl ohne Frage cooler als eine, die beim Aldi in Stoppersocken hinterm Regal heimlich das Wurstwasser aus den Gläsern säuft.“
Ich beginne zu verstehen und frage: „‚Cool’ ist wohl jemand, der sich vom Leben und dessen Wendungen nicht großartig beeindrucken lässt?“ Meine Tochter nickt mir gnädig zu, macht die Fingerpistole und sagt: „Jepp…!“
„Radtouren, Wandern, Grillen oder Sich sinnlos Betrinken sind cool?“ frage ich. „Nein“, sagt sie: „Cycling, Trekking, Barbeque und Koma-Saufen sind cool!“ „Weil’s aus Amerika kommt?“, will ich wissen. „Logo, aber es ist uncool, wenn du das so sagst. Man sagt nicht ‚aus Amerika’, sondern ‚aus den Staaten’.“
„Extremsportarten sind auch cool?!“ frage ich weiter. „Jepp“, sagt sie wieder, „aber cooler sind sie, wenn es sie gar nicht gibt.“ „Ah!“ sage ich, um sofort „Hä?! Wie jetzt?“ zu ergänzen. Sie sagt: „Du denkst dir eine beliebige Tätigkeit aus und stellst ein ‚extrem’ vorweg und hängst ein ‚-ing’ hinten dran.“ Ich sage: „Also ‚Nordic-Fucking’ oder ‚Extreme Rollatoring’ würden gehen?“ „Jepp“, sagt sie, „jetzt hast du’s fast gecheckt.“
„Ist es cool, Liebesbriefe in 10 verschiedenen Sprachen schreiben zu können?“ fragt der Romantiker in mir. „Ein bisschen“, sagt sie, „aber cooler ist es, seinen Alimenteverpflichtungen in 10 verschiedenen Währungen nachkommen zu müssen.“
„OK, ich hab’s kapiert und danke für die Tipps“, sage ich, „darf ich dir dafür einen ausgeben?“ „Nein“, sagt meine Tochter, „ich möchte lieber das Geld!“

Da mir offensichtlich noch Basiswissen fehlt, fahre ich dann direkt mit ihr in die Stadtbücherei und besorge mir zum besagten Thema einschlägige Werke, wie: „Simplify your coolness“, „Denken Sie nicht an einen coolen Elefanten“, „Wie cool bin ich – und wenn ja wie viele“, „Die Coolness wächst mit ihren Aufgaben“ und „Ein cooler Mann – ein cooles Buch“. Ich lese mich also durch das ABC der reduzierten Gefühle und entwickele unter Anleitung meiner Tochter meinen persönlichen Leitfaden der Coolness wie folgt:

1. Trage eine Sonnenbrille – am Besten Ray Ban – 2-D reicht. Setz’ die Sonnenbrille niemals ab – auch nicht beim Gesichtwaschen.
2. Trage ausschließlich schwarze Kleidung. Trage sie solange, bis es etwas Dunkleres gibt.
3. Lass alles, was du tust, lässig aussehen, in dem du nicht hinsiehst, wenn du etwas machst – ganz egal, was du tust. – Ausnahme: Solltest du den Reißverschluss deiner Hose schließen, sieh besser hin… nur so als kleiner Sicherheitstipp.
4. Ganz gleich, was los ist, lass dir nix anmerken… verzieh’ keine Miene… niemals… Freude, Ärger, Angst, Wut, Glück – alles ein Gesichtsausruck… in etwa wie bei Till Schweiger im Film.
5. Ein Zippo-Feuerzeug ist Pflicht – selbst wenn du nicht rauchst. In jedem Fall solltest du aber wenigstens ein Streichholz im Mundwinkel kauen.
6. Tanzen ist uncool, auch wenn du mehr Rhythmus im Blut hast als ganz Brasilien. Der Coole ist Steher und Gläser mit „Irgendwas-on-the-rocks“-Halter – und natürlich Trinker.
7. Ist ein Vollrausch unvermeidlich, gilt, wie gesagt: nix anmerken lassen. Es reicht, wenn du dich an das Wochenende in groben Zügen erinnerst: z.B. hell – dunkel – Montag… normale Härte.
8. Ein Kater, von dem am nächsten Morgen noch die Haare bluten, verursacht durch „Irgendwas-on-the-rocks“, ist uncool. Die Aspirin minus C dagegen ohne Wasser trocken runter zu würgen, ist cool.
9. Weine nicht. Weinen ist uncool. Wenn du weinen musst, tu es unter der Dusche, wo es nicht auffällt, oder sorge dafür, dass deine Tränen aus kleinen Eiswürfelchen bestehen… – für „Irgendwas-on-the-rocks“.
10. Sich von einer Frau ansprechen zu lassen, ist cool – auch hinterm Bahnhof. Es sollte aber nicht gerade jene sein, die dir eine aktuelle Ausgabe des „Wachturms“ verkaufen will.
11. Kaffee-Sahne-Portionsdöschen bei Starbuck’s umständlich aufzuknibbeln und sich womöglich über Finger und die schwarzen Klamotten zu spritzen, ist uncool. Die Dinger einfach komplett in den Kaffee-Pott zu werfen, mit dem Löffel rein zu stechen und dann locker zu umrühren, ist ultracool. Achtung: nicht das Gleiche mit dem Zuckertopf machen!
12. Sei spontan und individuell und originell cool – mach dein eigenes Ding: Spuck’ im Zoo doch mal Lama an – oder wirf lästiges Wechsel-Hartgeld an der Kasse einfach weg… der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt – lass dir was einfallen.

Durch diesen Leitfaden sozusagen mental tiefgekühlt, fühle ich mich urplötzlich wie der rechtmäßige Erbe von Eismann und Bofrost. Unterkühlt rufe ich für mich und meine Tochter ein Taxi für die Heimfahrt. Ich setze mich nach hinten auf den Rücksitz, beuge mich vor, drücke meinen rechten Zeigefinger an die Schläfe des Fahrers und sage: „Fahren Sie uns nach Kuba!“ Als er genervt guckt, drücke ich ab und blase dann den imaginären Rauch vom Finger. Obwohl wir jetzt laufen müssen, glaube ich, stille Anerkennung im Augenrollen meiner Tochter deuten zu können. Zu Hause angekommen, hole ich dann eine Flasche Brennspiritus aus dem Regal, stopfe einen Lappen hinein, gehe ins Zimmer meiner Tochter, zünde den Lappen mit dem Zippo an und werfe die Flasche in hohem Bogen in den Raum. Dann sage ich zu ihr: „Vergiss das mit dem Aufräumen, wir ziehen um!“ „Cool“, sagt sie. „Jepp“, sage ich.

Achim Leufker