„Und – tut’s noch weh, der UBA?“ empfing mich Karsten, immer zu unsensiblen Späßen aufgelegt, als er mich auf den breiten Stufen des Konzerthauses entdeckte: „Zeig mal, lass mal sehen!“
„Halloooo!“ versuchte ich ihn zu bremsen.
Trotzdem griff er mir ungeniert mit seinen kalten, griffelartigen Fingern an mein linkes Ohr, klappte es nach vorne. Mit ernstem Inspektionsblick nickte er zufrieden. „Sieht doch gut aus, schon getestet?“ fragte er, etwas zu laut. Ich fand es peinlich, weil Umstehende das hätten mitbekommen können, mich für einen Gestrigen hielten, weil ich mich so spät entschlossen hatte, mir den UBA einsetzen zu lassen.
Aber Karsten musste ja seinen Sieg wohl genießen … auskosten.

„Irgendwann wirst du dir auch einen UBA einsetzen lassen! Wetten?“ war immer sein Spruch gewesen, seitdem er sich den Universal-Brain-Adapter vor zwei Jahren hatte einsetzen lassen. Er ist so ein typischer Technik-Freak, der zwanghaft alles Neue unkritisch mitmachen muss.
„Ich lass mir so’n Ding nicht in mein Gehirn einpflanzen! Nie!“, hielt ich dagegen. „Mein Nervus Statoacusticus gehört mir!“ In solchen Punkten rasselten Karsten und ich immer wieder zusammen, verstanden wir uns doch sonst als Arbeitskollegen einigermaßen. So kam es zu der Wette. Und da ich doch UBAer geworden war, musste ich die Karten für das Neujahrskonzert zahlen.
Ich war aber auch neugierig auf das neue Musikerlebnis mit UBA-Technik, hatte ich doch die wildesten Gerüchte gehört.
„Hier, deine Karte.“ Ich wedelte mit dem Ticket wie mit einer weißen Fahne. Karsten ließ von meinem Ohr ab und strich die Karte mit einem genüsslichen „Danke, mein Freund“ ein.

Wir schoben uns mit den anderen Konzertbesuchern durch das Foyer, weiter in den großen Konzertsaal. Wir hatten mit Reihe 4, Connector-Liege 12 und 13 einen guten Platz in dem ehemals klassizistischen Saal. Ich sah ihn zum ersten Mal nach dem Umbau. Anstelle der Orgel wurde der Saal jetzt von dem wuchtigen Konzert-Computer-Tomographen dominiert, dessen Röhre sich genau mittig auf dem Podium befand.
Karsten spielte sich gleich auf, wies mich lehrmeisterhaft in die Technik ein, suchte den richtigen Stecker, den er mir sofort hinterm Ohr einrasten wollte.
„Nein, bitte nicht! Sorry! Lass mal, ich brauche etwas Zeit. Ich will es selbst machen!“ musste ich ihn schon wieder ausbremsen. Er war pikiert, warf mir mit beleidigter Miene das Leitungsende zu und verkroch sich auf seiner Liege unter der samt-roten Wolldecke. Dieses Mimosenhafte hasste ich so an ihm.
Aber das war mir egal, sollte er doch in seiner Schmollecke bleiben. Gleich würde ich selbst über die UBA-Buchse mein Gehirn mit den Computer-Tomographen und so mit den Gehirnen der Musiker verbinden. Diesen Moment wollte ich bewusst erleben.
Für Karsten dagegen mochte es ja Routine sein, wirkte er doch wie einer dieser coolen Vielflieger, die vor Abgeklärtheit nicht geradeaus gucken können.
Mittlerweile hatten auch die meisten anderen Brain-Listener ihre Connectoren gefunden und warteten, hockend oder schon waagerecht fast apathisch auf den Liegen, auf die Klänge, die da kommen sollten.
Mit einem „Knack“ rastete ich den Stecker hinter meinem linken Ohr ein. Sofort stellte sich ein Gefühl ein, als wenn schlagartig Unterdruck in meinem Kopf wäre, meine Nackenhaare stellten sich auf.
Ich musste einen verstörten Eindruck gemacht haben, denn Karsten wurde wieder auf mich aufmerksam, schaute mich mit krauser Stirn, schräg gelegten Kopf an. Offensichtlich ahnte er, wie bei mir in dem Moment vom Nacken her eine Gänsehautschneise den Rücken herunter perlte.
„Gleichstrom, sie speisen Gleichstrom in den Adapter, damit wir uns einpegeln“, wisperte er mir zu. Er konnte schon wieder lächeln.
Okay, einpegeln also.

Als der Saal fast ganz abgedunkelt war, sah ich, wie die vier Musiker des Qua-Brain-tet auf ihren Liegen aufs Podium geschoben wurden, weiß mit Laken abgedeckt, nur die nackt rasierten Schädel waren zu sehen. Das erinnerte mich eher an den Vorraum zum OP als an einen Konzertsaal. Deutlich waren an ihren Stirnen und vorderen Schädelpartien Markierungen zu sehen, auf die der Konzert-Computer-Tomograph zielen würde, wenn die Musiker sternförmig mit ihren Köpfen auf den zentralen Röhren-Bereich auf dem Podium ausgerichtet werden würden.
Sie bereiteten sich darauf vor, ihre Gehirne als Instrumente einzusetzen. Der moderne Konzert-CT wird ihre Geräuschvorstellungs-Gehirnregionen lautlos erfassen, diese in Gehirnströme verwandeln, die mich dann direkt über mein UBA via Nervus Statoacusticus im Hörzentrum meines Großhirns erreichen.
„Jetzt also, die zusammen geschalteten Gehirne der Musiker, in meinem Gehirn. Geniale Gleichschaltung von erfassender Intelligenz“, philosophiere ich halblaut vor mich hin.
„Pssssst“ „Au!“ Mich traf ein Ellenbogenstoß am rechten Oberarm: Karsten! Er war schon wieder angriffslustig: „Pssst, es geht los…“ zischte er mich an.
„Okay“ – tuschelte ich Karsten rüber, „ich bin jetzt ganz Interface.“
Ich bin also bereit: Bin Gehirn, gehe auf Empfang für die erdachte Musikwelt.

Das Konzert beginnt.
Hatte ich erwartet, dass mir Töne ähnlich eines klassischen Symphoniekonzertes ins Gehirn schwappen, so branden statt dessen Geräusche in mir, die ich aus anderen Zusammenhängen kenne.
Aber so? Ein Bum-Bum, Bum-Bum-Rhythmus, einem schnellen Pulsschlag ähnlich, gibt den strammen Takt vor. Dann schwellt ein strömendes Wasserfallgeräusch an, das plätschernd abgelöst wird von einem Dampfhammer, der aber trotzdem flaumig-sanft zuschlägt, mit einem weichen Echo, das kontrastiert wird durch ein zuckendes, schrill-quietschendes, disharmonisches Ruckeln, als ob sich ein Plastikstuhl an einem zu heißen Heizkörper reibt, die Tonfarbe ändert, weil das Plastik aufweicht. Aufbrausendes Dröhnen eines starken Motors, der unter Vollgas röhrt … wieder leiser und leiser wird, ich dafür jeden einzelnen Maschinentakt überdeutlich und wie mit einer Hörlupe wahrnehme, langsam synchronisiert sich dieser Takt mit dem anfänglichen Puls-Rhythmus. Bum-Bum, Bum-Bum, Bum-Bum.
Ich beobachte die Musikerschädel. Ihre Augen sind geschlossen, die Gesichter zucken, verziehen sich schmerzhaft. Der eine lacht, der andere, wahrscheinlich der Taktgeber, reißt plötzlich die Augen auf, pulsiert pumpend mit dem ganzen Körper in dem Rhythmus, den ich höre – nein – den ich … denke!
Ich richte mich auf, blicke mich im dämmrigen Saal um: Alle haben die Augen geschlossen. Ich erkenne auf Karstens Gesicht fast die gleichen Zuckungen wie bei den Brain-Musikern auf dem Podium. Das Wippen seines Oberkörpers aber sagt mir: Mach auch die Augen zu! Lass dich fallen!
Ich … schließe die Augen:
Alles ist Fiktion, ein Einkoppeln von Geräuschanordnungen, die sich 4 Leute ausdenken. Alles nur Theater, Illusion.
Und dann geht es ab: „Wenn die Lider hinter den Augen nicht zugehen wollen, fängt man an, schlecht zu hören, aber nur nach außen, drinnen wird es schrill, raspelt alles, die Glieder zucken, man hört seine Fingernägel wachsen!“
Mein Gott! Jetzt verstehe ich, was Karsten damit meinte: „Du tauchst in eine Audio-Gefühlswelt ab, die alle Sinne stimuliert.“
Ich rieche plötzlich die stickigen Auspuffgase des Motors, der vorhin aufheulte, spüre in meinen Haaren den heißen Dampf der Ramme, die plötzlich neben mir einschlägt, der Boden zittert, mein Herz rast mit dem lebendigen Rhythmus um die Wette.
Ich bin im realen Phantasieraum angekommen.
Die Musik taucht immer tiefer in mich ein. Ja, diese geordneten, genial erdachten Geräusche aus allen Lebensbereichen werden in mir Musik! Ich bin Musik!
………

„Hey, komm zu dir.“
Das Musik-Geräusch ist nicht mehr da. In meinem Kopf eine Stoßwelle. Ich öffne die Augen.
„Junge, komm zu dir, es ist vorbei!“ Ich erkenne Karsten, der mich mit barschen Ohrfeigen traktiert!
„Au, du tust mir weh, was ist los, wo bin ich?“
„Hey, du bist im Konzerthaus in Berlin, es ist Neujahr 2025! Hab den Stecker gezogen. Du ging’s ja ab wie eine Rakete. Das Konzert ist zu Ende! Zu Ende!“
„Mir … mir ist schwindelig.“
„Das sind Nebenwirkungen, weil Hören und Gleichgewicht in der gleichen Gehirnregion sind. Harmlos!“, doziert Karsten schon wieder.
Wir raffen uns auf. Karsten stützt mich, bin noch etwas wackelig auf den Beinen.
Dann sehe ich beim Queren des laternen-düsteren Gendarmenmarktes die strahlende Kino-Reklame des neuen Spielberg-Films: „Jetzt auch in UBA-Technik!“ lese ich halblaut vor mir hin.
Noch bevor wir in den U-Bahnschacht abtauchen, fälle ich die Entscheidung: Morgen werde ich mir das UBA-Up-Great für den „Nervus Opticus“ implementieren lassen!

Herbert Beesten