Mein Name ist Jerome. Man nennt mich den „ernsthaften Jerry“. Der pummelige Tabby da drüben, der gerade eine Motte frißt, ist mein Bruder Tullamore, kurz Tully. Er guckt ’n bißchen dusselig, aber lassen Sie sich davon nicht täuschen, Tully ist ’n Genie.
Tully und ich hatten ’ne ziemlich schwere Kindheit, sind im Heim aufgewachsen. Da gab’s richtig harte Ganoven — die schwarze Tinka, die Ausbrecherkönigin, und Narben-Pete, den Schläger. Wir haben ’ne Menge Ohrfeigen gekriegt, vor allem ich, weil ich der kleinste war und so ein weißes Fell hatte, und immer haben die anderen uns alles weggefressen. Ich bin erst später gewachsen.

Unser Mensch hat uns da rausgeholt. Er macht das Katzenklo sauber, baldowert unsere Coups aus und krault mir den Bauch. Tully ist ’n bißchen etepetete, wenn’s ums Anfassen geht, und meint, wir bräuchten nicht wirklich ’n Menschen, aber ohne den Menschen wären wir immer noch im Heim. Und ich steh’ auf Bauchkraulen.
Das Beste ist, unser Mensch füttert uns. Leider war das immer nur so’n Napf voll, und wir waren Jungs im Wachstum. Wir haben dann kapiert, daß die Brekkies im Napf ja irgendwo herkommen mußten, und seither war Tully ganz kirre darauf, diese Brekkiebonanza zu finden.

Am Anfang war das echt einfach. Tully guckte, was der Mensch machte, wenn er Futter holte. Sobald er’s kapiert hatte, sind wir rauf auf den Schrank, runter mit der Dose und ran an die Beute. Später hat unser Mensch die Brekkies in ’nen Beutel getan, aber Tully hat den Beutel zerkaut, während ich Schmiere gestanden hab’. Dann war die Tüte hinter ’ner Tür, die haben wir auch aufgekriegt. Und dann hat unser Mensch so ’n Metallding an die Tür gemacht. Das war hart.
Drei Wochen Kohldampf schieben, und Tully starrte immer die Tür an und wie der Mensch sie aufmachte. Lag auf’m Schrank oder dem Boiler und lauerte. Ich weiß nicht, wie er’s am Ende gemacht hat, aber eines Tages war der Schrank auf und wir schlugen uns die Bäuche voll.
Also, Tully schlug sich den Bauch voll, und ich machte mir ernsthafte Gedanken darüber, was unser Mensch wohl sagen würde, wenn er nach Hause kam.

Unser Mensch guckte die Küche an und Tully (ich hatte mich hinter dem Sofa versteckt), pflanzte sich auf’s Sofa (ich verschwand unterm Sessel) und machte komische Geräusche. Dann sagte er: „Ich habe eine Idee.“
Wenn unser Mensch ’ne Idee hat, heißt das, wir kriegen ’n neues Spielzeug oder ’n neuen Kratzbaum, oder ’n neuen Korb. Unser Mensch hat die besten Ideen. In den nächsten Wochen spielte unser Mensch mit uns jeden Tag Brekkies finden. Wir hatten ’n Mordsspaß. Manchmal waren’s ’n paar Tage, bis wir an die Brekkies ’rankamen, aber am Ende kriegten wir sie immer. Irgendwann schnallte ich, daß die Tür, durch die der Mensch jeden Morgen verschwand und am Abend mit Beute wiederkam, sich auch aufmachen ließ, und die Welt stand uns offen.
Wir machten ’ne Menge Türen auf und kriegten fürchterlich Schläge von Zeus, dem Nachbarskater, dem es gar nicht paßte, daß wir seinen Futternapf inspizierten.
Aber wir waren jung und gesund und nach ’n paar Tagen wieder voll auf’m Damm.

Unser Mensch ging jetzt abends weg statt morgens, wenn die Vögel sangen, und roch nach Zeug, von dem ich niesen mußte. Er nahm immer ein paar Brekkies mit und brachte sie nicht zurück. „Er hat ’ne andere“, sagte Tully. „Blödsinn“, sagte ich. „Der frißt die selber.“ Tully guckte bedröpst.

Nach ein paar Wochen lud unser Mensch uns in sein Auto, was ich gar nicht mag. Das schaukelt immer so. Wir fuhren viel weiter als bis zum Tierarzt und stiegen an einem Ort aus, den ich nicht kannte, der aber roch wie unser Mensch, wenn er heimkam. Es gab viele Menschen, die alle so gespannt waren wie Katzen vor Mauselöchern und Klamotten trugen, auf denen Katzenhaare richtig gut aussehen. Ich nieste und fing gleich mal an zu haaren. Unser Mensch tigerte davon, ohne sich nach uns umzusehen. Wir also vorsichtig hinterher.
Ein Mensch in schwarzer Kleidung sah mich und hob mich hoch. Ich überlegte, ob ich ihn kratzen sollte, guckte ihn dann aber nur böse an. „Du darfst hier aber nicht rein, Hübscher“, sagte er und trug mich in einen Garten mit Springbrunnen. Er streichelte mir noch mal über den Kopf, ehe er mich runterließ.

Beim zweiten Versuch kam ich auch rein und fand Tully in einer Ecke mit einem Käsebrötchen. Ich guckte mich um. Es war alles sehr seltsam. Bis Tully auf einmal sagte: „Ich riech’ doch Brekkies.“ Ich schnupperte, und er hatte recht. Da war der Geruch von dem Papier, das die Menschen „Mäuse“ nennen und genauso aufregend finden, und der Geruch von Brekkies. Wir folgten ihm, bis zu der besten Tür, die wir je gesehen hatten. Viel, viel größer als alle Türen, die unser Mensch hatte. Die Vorstellung, wie viel Brekkies hinter so ’ner großen Tür sein mußten, ließ mich vor Ehrfurcht erstarren.

Wir brauchten ’ne Woche, um rauszukriegen, wie die Tür aufging. Der Mensch in schwarzer Kleidung nannte mich „Joe“ und gab mir von seinem Schinkenbrot. Das hätte den Coup fast platzen lassen, weil Tully wegen des Schinkenbrots maulte, und ich mußte ihm welche hinter die Ohren geben, damit er seinen Job machte, während ich den Menschen ablenkte.
Als wir die Tür endlich aufhatten, waren dahinter nur Menschen-Papiermäuse. Tully zerfetzte ein paar, um eine Handvoll zerkrümelter Brekkies zu finden, und ich ging zu unserem Menschen, um zu fragen, warum das so war. Unser Mensch knuddelte mich und sagte, Tully und ich seien die besten Katzen der Welt, und ging dann nachsehen, warum da nur so wenige Brekkies waren. Er packte all das Papier in eine große Tüte, fand aber auch keine Brekkies. Wir hauten ab und Tully ließ zum Trost noch’n Käsebrötchen vom Büffet mitgehen.

Am nächsten Tag kriegte ich ’ne klingelnde Plüschmaus und Tully ’n neuen Tigerschwanz, den er knurrend unter’s Sofa verschleppte. Ich brachte unserem Menschen die ganze Nacht die Maus, damit er sie wieder wegwerfen konnte. Es ist unser Lieblingsspiel.

Unser nächster Coup lief genauso glatt wie der erste, auch wenn wieder nur Berge von Mäusepapier hinter der Tür waren und nur ’ne halbe Handvoll Brekkies, und die auch noch staubig. Ich fragte mich langsam, ob unser Mensch für uns die richtigen Türen aussuchte, aber wir kriegten wieder Spielzeug, so war das wohl OK.

Ein paar Tage nach dem dritten Coup, als unser Mensch gerade Kletterseile für uns von einer Wand zur anderen spannte und dabei einen fürchterlichen Lärm machte, kamen böse Menschen in Grün und nahmen unseren Menschen mit. Sie durchsuchten alles und machten so ’ne Unordnung, daß unser Mensch bestimmt mit Streichholzschachteln nach ihnen geworfen hätte, wäre er dagewesen. Wir versteckten uns unterm Sofa und wurden nicht bemerkt.

Unser Mensch kam nicht wieder. Wir hatten genug Brekkies, aber das Katzenklo wurde langsam ekelig und niemand kraulte mich am Bauch. „So geht das nicht“, sagte ich zu Tully. „Wir müssen unseren Menschen finden.“
Tully maulte und wollte nicht. „Wir können auch draußen was verbuddeln“, sagte er. Ich biß ihm ins Ohr, weil er Blödsinn redete, und wir gingen zu unserem Ersatzmenschen. Unser Ersatzmensch begrüßte uns mit „Oh, ihr armen Jungs“ und sagte dann ein paar nicht sehr nette Sachen, als er sah, was wir mit seinem Kühlschrank gemacht hatten, während wir auf ihn gewartet hatten. Deswegen ist er nur unser Ersatzmensch.
Als er sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren konnte, kraulte er mich am Bauch, sprach mit so einem Menschenspielzeug und packte uns dann in sein Auto und fuhr zu ’nem Platz mit vielen Türen. Menschen lieben Türen. Unser Ersatzmensch packte Tully und mich in ’nen Einkaufskorb und ging mit uns rein. Drinnen waren viele Menschen in Grün, und mir sträubte sich das Fell. Unser Ersatzmensch begann zu reden. Er sagte oft „ihre armen Katzen“ und „herrenlos“ und „unglücklich“. Ich tat mein Bestes, um sehr unglücklich auszusehen, und weinte sogar ein bißchen. Schließlich lachte einer der Grün-Menschen und ging mit uns und unserem Ersatzmenschen zu unserm Menschen, der hinter noch ’ner Tür war und die nicht aufkriegte. Ich weiß echt nicht, warum Menschen Türen so toll finden und sie dann nich aufkriegen. Andererseits finde ich es toll, in die Badewanne zu fallen, das ist genauso blöd wie’n Mensch, sagt Tully.

„Kriegst du die auf?“ fragte ich Tully.
„Hältst du mich für blöd?“ fragte er zurück.

In der Nacht drauf kletterte Tully zum Fenster von unserm Menschen hoch. Unser Ersatzmensch und ich warteten im Auto. Es paßte mir gar nicht, hier rumzulungern und zu warten, aber das war kein Job für eine weiße Katze. Unser Ersatzmensch redete mit mir, und ich putzte mich.

Endlich tauchte Tully mit unserm Menschen auf. Wir fuhren wieder weg, erst mit dem Ersatzmenschen, dann mit unserem. Wir fuhren weiter und weiter, hielten manchmal an, um Grillen und Eidechsen zu jagen, und jedesmal, wenn wir ausstiegen, schien die Sonne heller. Dann fuhren wir mit etwas, das fürchterlich wackelte und wo es Vögel gab, die aussahen, als würden sie Katzen fressen, und weiter, bis wir zu einem großen Haus kamen, wo alle Türen offen waren.

Da leben wir jetzt, Tully, ich und unser Mensch. Es gibt hier ganz viele Plätze, wo man in der Sonne dösen kann. Tully hat angefangen, echte Mäuse zu fangen. Ich find’ das eklig. Grillen sind viel spaßiger. Unser Mensch bleibt jeden Tag bis zum Mittag im Bett und krault mir jeden Abend den Bauch. Und das Katzenklo ist immer picobello.

Ingeborg Denner