Huch, ein Brief. Auf dem Umschlag steht: „An das Bundesamt für Zivildienst, Sibille-Hartmann-Straße 2-8, 50969 Köln.“ Im Umschlag befindet sich ein kariertes Blatt, links vier Löcher und noch sichtbare Perforationsreste. Auf dem Zettel steht handschriftlich mit blauer Tinte geschrieben:
„Liebe (durchgestrichen) Sehr geehrte Damen und Herren!
Mein Name ist Björn und ich möchte niemanden töten müssen, bitte! Wegen meinem Gewissen. Seit ich mal den Film ‚Die Brücke’ gesehen habe, ist das so!
Außerdem war mein Vater früher Matrose und viel unterwegs. Deshalb gibt es auf der ganzen Welt ganz schön viele Halbgeschwister von mir, die ich alle nicht kenne. Wenn es mal zum Krieg kommen sollte, will ich die nicht erschießen müssen und ich weiß doch nicht, ob das vielleicht meine Geschwister sind. Verstehen Sie?!
Großes L, großes G, Björn“
Der Brief kam offenbar an und die Verweigerung war erfolgreich, denn Zivildienstleistender Björn verrichtet im Moment seine Pflicht fürs Volk. Er arbeitet hart im sozialen Dienst der katholischen Einrichtung Jesu-Wiederkehr-Seniorenheim, fast jeden Werktag montags bis donnerstags von 9 frühmorgens bis 12 spätnachmittags. Dafür, Zivi zu machen, hat sich Björn entschieden wegen seines Gewissens und so. Jedenfalls steht das in seiner Kriegsdienstverweigerung. Dass Björn keinen Bock auf Haarnetz hatte oder sowas, wegen seiner schulterlangen Haare, mag auch einen Einfluss auf die Entscheidung für Zivimachen gehabt haben. Auch, dass Björn jetzt ja noch bei Mutti wohnen bleiben konnte; die kocht zwar nicht unbedingt so gut, aber immerhin regelmäßig, und sie wäscht doch so gern seine Hosen. Björn ist nun mal ein guter Mensch und konnte seiner Mutter diese Freude doch nicht wegnehmen.

Heute ist Mittwoch und Björn hat wie jeden Mittwoch zur Vorlesestunde geladen. Die 12 verwitweten Insassinnen und der eine mit biblischem Alter gestrafte männliche Bewohner mit seinen eineinviertel Beinen sind vom fast akzentfrei deutsch sprechenden Pflegepersonal rechtzeitig aus den Resultaten ihrer Inkontinenz gezogen worden, um an dieser Kulturveranstaltung teilnehmen zu können.
Unser Held der Hingebung, Björn, öffnet das Standardwerk „Die kleine Raupe Nimmersatt“, holt tief Luft und blickt ins weite Halbrund. „Erstmal ausatmen!“, denkt sich der Zivi und lässt wenig später, ganz künftige Arbeiterklasse, Tat folgen. [Puh]
Nun bewegt Björn seine Lippen so, als würde er laut vorlesen, macht es aber nicht.
[Am Montag fraß sie sich durch einen Apfel, aber satt war sie noch immer nicht…]
Während seiner Lippenbewegungen schaut er auf und erfreut sich an 13 rechten Händen, die sich synchron in Richtung 13 rechter Ohren bewegen, um an 13 Hörgeräterädchen zu drehen. Die Lautstärkeregler sind nun also alle auf Anschlag. Nachdem 13 rechte Hände wieder kraftlos in 13 Schöße zurückgefallen sind, fängt Björn an, so laut zu schreien, dass sich seine Halsvenen wild nach außen wölben:
„Am Montag fraß sie sich durch einen Apfel, aber satt war sie noch immer nicht.“
Die Folge ist ein furchterregendes Potpourri aus unterschiedlichsten Piepstönen. Wie jeden Mittwoch. Zu Björns Freude sind aber auch alle Bewohner so richtig schön dement, dass sie sich an all die letzten Mittwochvormittage nicht erinnern (können).
Am morgigen Donnerstag ist Spielevormittag: Mensch ärger’ Dich nicht. Erneut wird es um Geldbeträge gehen, erneut werden die beiden Damen von Zimmer 116 die Regel „Rückwärts schlagen gilt“ nicht verstehen; welch ein Glück für Björn, denn sonst kennen sie ja alle Tricks, diese gewieften Füchse. Ihre Tricks werden allerdings auch jenes folgende Mal fehlschlagen, ihr sauer erspartes Taschengeld zu verteidigen, denn Björn leitet ja das Spiel; er ist der Chef als Teil vom Personal; er ist ja der Zivi – wegen seines Gewissens und so.

Später will Björn übrigens mal was mit Kindern machen. Eine Ausbildung zum Erzieher oder so.

Jens Hinrich