Es war der Morgen des sechsten Tages. Linner sah den Alten an: „Und? Bringen Sie mich jetzt rüber?“
„Noch nicht die richtige Zeit.“
„Was denn? Führt der Fluss zu viel Wasser oder was? Ich kann jetzt keinen Unterschied zu gestern oder zu seinem Zustand von vor drei Stunden erkennen. Vor ein paar Tagen sah er genauso aus wie jetzt.“
„Das ist Ihr Problem.“
„Was? Dass ich hier nicht sehe, warum Sie mich nicht über den Fluss bringen wollen?“
„Warum nehmen Sie nicht die Brücke?“
„Weil es keine Brücke gibt.“
Der alte Mann starrte mit müdem Lächeln auf das Wasser. Dabei zog er gelegentlich an seiner alten Tonpfeife.
„Dieser Nebel macht einen ja depressiv“, sagte Linner, um nicht wieder nur stundenlang zu schweigen.
„Welcher Nebel?“
„Der über dem Fluss.“
„Ich sehe keinen Nebel.“

Linner wusste bereits, dass jeder Versuch, dem Alten zu zeigen, was er doch sehen musste, keinen Zweck hatte. Seit fast einer Woche war er hier und kam keinen Schritt weiter. Er musste über diesen Fluss, um seinen Auftrag zu erfüllen. Aber dieser Fluss war zu breit, zu tief und zu unberechenbar, als dass Linner einfach hätte hinüber schwimmen können. In der Stadt hatte man ihm gesagt, dass es eine Brücke über den Fluss geben solle, aber erinnern konnte man sich nicht. Man habe von einer Brücke gehört. Aber auf der anderen Seite des Flusses habe man nichts zu erledigen, darum wurde sich nie darum gekümmert, wo genau die Brücke liegen solle.
Es interessierte die Leute nicht. Sie konnten ihre Geschäfte hier erledigen, es gab alles, und was es hier nicht gab, das brauchte man auch nicht.
„Das andere Ufer interessiert uns nicht, junger Mann. Wir brauchen nichts von dort, soweit wir wissen“, hatte ein Mann in einer Kneipe gesagt.
„Hast Du schon mal was von der anderen Seite gebraucht?“, wollte dieser vom Nebenmann am Tresen wissen.
„Näh, wozu? Hab alles. Frauen hat’s genug hier und im Nachbarort. Einen Schnaps machen wir selbst. Sonst was? Näh. War noch nie am Fluss. Brauch nicht. Hab fließend Wasser daheim. Hab überhaupt alles daheim.“
„Gehen Sie einfach durch den Wald, der hinter der Stadt hier anfängt. Die Hauptstraße geradeaus. Da sehn Sie einen Hügel, darüber geht die Straße. Direktameng hinterm Hügel is die Brücke. Und nicht über die Holzwege durchn Wald. Immer schön die Hauptstraße gehn.“

Linner verließ die Stadt und sah den Wald und den Hügel weit dahinter. Da er sich seines Orientierungssinns sicher war und den Weg abkürzen wollte, bog er vom Hauptweg ab. Er ging auf einem der Holzwege, die von den Arbeitern benutzt wurden, kam aber an einem anderen Punkt als erwartet aus dem Wald. Den Hügel konnte er nicht mehr sehen, aber die Richtung musste stimmen, und er ging weiter. Dann kam Nebel auf. Er orientierte sich später am Rauschen des Flusses, fand sich dann an der Hütte des Alten wieder. Daneben, am Ufer des Flusses, lag ein großes Floß.
Das war vor ein paar Tagen. Seitdem fragte er den Alten jeden Tag, ob er ihn über den Fluss bringen könne. Schon am ersten Tag sagte der Alte, es sei nicht der richtige Zeitpunkt.
„Was soll ich denn jetzt machen? Ich muss da rüber.“
„Ich weiß. Darum sind Sie hier.“
„Können Sie mich bitte rüber bringen? Mit Ihrem Floß. Bitte. Ich zahle dafür. Wieviel wollen Sie?“
„Nichts. Aber Sie können die Brücke benutzen.“ Der Alte wandte sich ab und sah auf den Fluss.
Etwas verstört von dieser Antwort ging Linner am Ufer entlang, grob Richtung Norden flussaufwärts, weil er die Brücke dort vermutete. Nach einigen Kilometern kehrte er um und suchte flussabwärts. Dort fand er auch keine Brücke.
„Nichts gefunden?“
„Nein. Wie komme ich zurück in die Stadt? Ich sollte dringend telefonieren. Hier draußen habe ich auf dem Handy keinen Empfang.“
„Bleiben Sie einfach. Morgen ist vielleicht der richtige Zeitpunkt. Dann setze ich Sie mit dem Floß über.“
„Vielen Dank. Das ist sehr nett von Ihnen. Wenn ich nicht erst in die Stadt muss, dann spare ich vielleicht etwas Zeit. Was möchten Sie für Ihre Umstände? Ich bezahle selbstverständlich.“
„Selbstverständlich.“
„Wieviel?“
„Draußen. Hacken Sie Holz. Dann kommen Sie rein und essen mit mir. Sie schlafen hier auf meinem Platz. Ich schlafe auf dem Boden.“
„Bitte, machen Sie sich keine Umstände.“
Der Alte sagte nichts mehr. Linner nahm die Axt und ließ seine Wut auf den ganzen misslungenen Tag beim Holzhacken raus. Dann aßen beide zusammen. Linner war zu müde, um sich zu unterhalten, und seinem Gastgeber schien es ganz recht zu sein, nicht mehr als nötig zu sprechen.

Am nächsten Morgen wollte Linner wissen, ob es möglich sei, heute übersetzt zu werden.
„Nein, noch nicht der richtige Zeitpunkt.“
„Wann wird das sein? Schätzen Sie, das könnte heute noch sein?“
„Das kommt darauf an.“
„Worauf denn nur? Ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich habe einen dringenden Auftrag zu erfüllen. Dazu muss ich auf die andere Seite des Flusses. Und zwar pronto.“
„Warum nehmen Sie nicht die Brücke?“
„Die Brücke? Welche Brücke? Ich bin gestern mindestens fünf Kilometer in jede Richtung marschiert. Da war keine Brücke. Wenn Sie mir sagen könnten, wo sich diese Brücke befindet, wäre ich Ihnen dankbar. Ich komme gern für die Umstände meiner Übernachtung auf.“
„Sie wollen für etwas aufkommen? Hacken Sie Holz. Es wird einen harten Winter geben.“
Linner nahm wieder die Axt, ließ ihre Schwere auf sich wirken und hackte Holz. Er hackte, fast zwei Stunden lang spaltete er die groben Klötze. Er schwitzte sehr, seine Muskeln brannten. Nach seiner Arbeit sprang er in den Fluss und aß mit dem Alten zu Abend.

Nach einer unruhigen Nacht traf Linner den Alten wieder vor der Hütte.
„Ist heute der richtige Zeitpunkt? Das Wasser sieht ruhig aus.“
„Nein, heute nicht.“
„Wie lange sind Sie schon hier?“
„Eine Ewigkeit. Was bedeutet schon, wie lange ich hier bin? Wie lange wollen Sie hier bleiben?“
„Solange, bis Sie mich rüber bringen werden.“
„Warum nehmen Sie nicht die Brücke?“
„Ich nehme die Brücke nur deswegen nicht, weil ich sie verdammt nochmal nicht finden kann. Weil es keine Brücke gibt. Da war vielleicht mal eine Brücke. Und wenn die Leute mitkriegen, dass hier eine Brücke fehlt, werden sie bestimmt eine Brücke bauen, damit sie nicht von irgendeinem Zeitpunkt abhängig sind. Ich will doch nur über den Fluss, mehr nicht.“
„Ich kann Sie mit dem Floß rüber bringen.“
„Wann?“
„Jetzt nicht. Vielleicht morgen.“
„Hören Sie, ich zahle Ihnen eine Menge Geld, wenn Sie möchten, aber bitte bringen Sie mich ans andere Ufer.“
„Nein, ich möchte kein Geld. Aber Sie können mir einen Gefallen tun und draußen etwas Holz hacken.“

Am nächsten Morgen machte sich Linner früh auf. Er hatte gehofft, vor dem Alten aus der Hütte zu kommen, aber der saß schon vor seiner Hütte. Linner versuchte, leise an ihm vorbei zu schleichen. Er war nicht sicher, ob der Alte ihn bemerkt hatte. Wahrscheinlich hatte er es.
Linner ging wieder am Flussufer entlang. Er war entschlossen, die Brücke zu finden. Er wollte etwa 10 Kilometer in jede Richtung gehen, vielleicht eine Anhöhe finden oder einen Baum, auf den er klettern konnte, um sich einen Überblick zu verschaffen. Sollte er diese Brücke nicht finden, dann wenigstens den Wald oder einen Weg zurück in die Stadt. Dort wollte er in seiner Firma anrufen und eine Wegbeschreibung verlangen.
Möglich, dass in der Stadt jemand mit einem Wagen aufzutreiben war. Oder ein Taxi. Er könnte ein Taxi nehmen und verlangen, dorthin gebracht zu werden, wo er hin wollte. Der Fluss sollte dann das Problem des Fahrers sein. Irgendwie musste er über diesen Fluss, und er ärgerte sich darüber, dass man ihm keine Wegbeschreibung mitgegeben hatte. Und darüber, dass er sich selbst keine Informationen beschafft hatte.
Seine Unternehmung brachte ihn nicht weiter. Er fand nicht die Brücke, keinen Beobachtungspunkt, den Wald nicht und auch nicht die Stadt.
Zu resigniert, um wirklich wütend zu sein, ging er zurück zur Hütte, nickte dem Alten zu, nahm die Axt und hackte Holz.

Am nächsten Tag machte Linner es kurz: „Richtiger Zeitpunkt?“
„Nein. Heute nicht.“
Er setzte sich neben den Alten und betrachtete den Fluss. Er sah Wasservögel. Die Wellen veränderten sich. Fische sprangen gelegentlich. Am Ufer bewegten sich Tiere. Das Rauschen. Die Luft. Der Geruch. Leichter Regen. Stille.
„Ich geh Holz hacken.“

Am sechsten Tag setzte sich Linner mittags neben den Alten und sah auf den Fluss. Morgens hatte er den Alten schon gefragt und dieselbe Antwort bekommen, die er erwartet hatte. Nach einiger Zeit sah ihn der Alte an und fragte: „Was haben Sie für einen Auftrag?“
„Ja, was führt mich eigentlich in diese gottverlassene Gegend? Meine Chefs, ich habe drei davon, schicken mich in eine Niederlassung unserer Firma auf der anderen Seite des Flusses. Keine Ahnung, wie die dahin gekommen ist, wenn hier niemand über den Fluss kommt.“
„Außer über die Brücke. Das ist der schnellste und einfachste Weg.“
„Jedenfalls schicken die drei mich los, um in dieser Niederlassung aufzuräumen. Da soll es nämlich zugehen wie Gott weiß wo. Schlampiges Arbeiten, verwahrlostes Lager, Buchhaltung durcheinander, und dann sollen die da fröhlich rumhuren und saufen, statt ihre Arbeit zu machen. Die drei Chefs sind sehr unzufrieden. Mächtig sauer, kann man sagen. Ich soll denen Feuer unterm Hintern machen. Ich habe freie Hand, sagen sie. Was auch immer ich zu tun habe, um den Laden aufzuräumen, soll ich tun.“
„Sind denn alle Mitarbeiter in dieser Niederlassung so?“
„Von den fünfzig sind vielleicht zehn fleißig. Aber das interessiert die Chefs nicht.“
„Wieviel Zeit haben Sie dafür?“
„Alle Zeit, die ich brauche. Solange es in Ordnung kommt. Die Chefs sagten nur, ich solle tun, was zu tun sei.“
„Dann betrachten Sie noch den Fluss eine Weile.“

Sie saßen zusammen am Ufer und sahen auf den Fluss. Stundenlang. Dann fragte Linner gegen Abend: „Soll ich Holz hacken?“
„Wenn Sie möchten.“
Linner ging zu dem Hackblock. Aber es war nur noch ein Stück Holz übrig. Er nahm es in die Hand, wog es, stellte es sorgfältig auf und hob die Axt. Mit der Axt über dem Kopf betrachtete er das zu spaltende Holz. In diesem Augenblick wurde ihm klar, was er zu tun hatte. Er hieb das Stück Holz entzwei. Dieser Hieb hatte eine Ewigkeit gebraucht.

Am nächsten Morgen sagte der Alte, dass es jetzt an der Zeit wäre, mit dem Floß überzusetzen. Eigentlich war es Linner egal. Er rasierte sich in aller Ruhe, aß von den Resten des Abendbrots, packte sorgfältig seine Sachen, zog seine Schuhe aber nicht an, sondern packte sie in seine Tasche und bestieg das Floß.
Die Überfahrt dauerte nicht lange. Das Floß des Alten grub sich ins Ufer der anderen Seite, und Linner stieg die Böschung hoch.
„Sie brauchen nicht auf mich zu warten.“
„Das werde ich auch nicht. Ich kann einen immer nur ans andere Ufer bringen. Von hier aus muss jeder selbst gehen.“
„Gut, gut. Ich denke, ich verstehe.“
„Sie verstehen!“
„Ja, ich verstehe. Wir sehen uns sicher wieder.“
„Wir werden uns wiedersehen! Viel Glück.“
„Danke“, sagte Linner noch, nickte dem Alten kurz zu und ging fort, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Nach drei Tagen kam er frühmorgens bei klarem Wetter wieder ans Flussufer. Um die andere Seite sehen zu können, musste er seine Augen mit der Hand beschatten. Der Alte schien vor seiner Hütte zu sitzen und seine Pfeife zu rauchen, aber genau konnte Linner es nicht erkennen. Etwa drei Kilometer entfernt sah er eine Brücke und ging hinüber. Als er die Hütte erreichte, grüßte er den Alten, setzte sich neben ihn und betrachtete den Fluss.
Gegen Abend fragte der Alte: „Sie sind wieder da?“
„Ja, wie Sie sehen.“
„Es sind erst drei Tage vergangen. Sie haben Ihren Auftrag schnell erfüllt.“
„Ja, das habe ich wohl.“
„Was haben Sie getan, dass es so schnell ging?“
„Ich habe den ganzen Schuppen einfach abgebrannt.“
Der Alte lachte, klopfte Linner auf die Schenkel, erhob sich und ging zu seiner Hütte, holte seinen Mantel und seinen Hut. Er nickte Linner zu und ging flussabwärts. Linner blieb sitzen und sah auf den Fluss.

Mirko Stauch