Es war eine von diesen Partys, wo Wörter sich treffen. So etwas muß es ja auch geben, und für gewöhnlich sind sie gut frequentiert. Wörter aller Klassen und aller Herkunft treffen sich dort. Aber wie das so ist, auf Partys bilden sich Cliquen und Grüppchen, die in den Ecken stehen und an ihrer Buchstabensuppe nippen.
Da hinten sitzt das Amtsdeutsch mit grauen Gesichtern und ernstem Blick, es debattiert über Wortzulassungen und Buchstabenquoten. Nicht einmal die Modewörter, die quirligen Sehen-und-gesehen-werden-Wörter, verlaufen sich in diese Ecke.
Drüben bei der Sektbar steht der poetische Kreis. Kunstwerke, jedes einzelne von ihnen, manche nicht den Launen der Sprachentwicklung entsprungen, sondern Kinder namhafter Väter: Wolkendunst steht dort und Glasmenagerie.
Die Klischees fläzen sich auf der Sitzgruppe. Herz und Schmerz sind immer noch am turteln – mitten im Spotlight, natürlich. Wörter kommen meist in Gruppen oder Pärchen hierher. Einige gehen irgendwann wieder, viele bleiben hängen. Es ist so gemütlich hier bei den Klischees.
Vom Balkon kommen fröhliche Stimmen. Das sind die Klangwörter, die lautmalerischen Wörter, und sie haben entschieden zuviel Sekt gehabt, sie kichern und freuen sich an sich selbst. Firlefanz ist da und Dösbaddel, Holterdiepolter, und auch Sauerkraut hat auf einen kurzen Lacher vorbeigeschaut, ehe es wieder in den vertrauten Kreis der Haushalts- und Küchenwörter zurückgeschlappt ist, lauter nüchterne, vernünftige Wörter, die nur selten zu Eskapaden neigen.

Vernünftige, sachliche Wörter stellen auch auf diesen Partys die Mehrheit, selbst wenn man sie nicht wahrnimmt.
Nur die Mitglieder des grammatikalisch-lexikalischen Zirkels beachten sie. Diese Wörter sind sehr ernsthaft, und manche von ihnen sind immer noch fremd hier: Kasus, Genus, Deklination. Eingeborene dieser Sprache sind Wortwahl und Stil. Sie alle beobachten und notieren. Ein neues Wort, der ehrwürdige Zirkel schüttelt die Köpfe. AlMilMö, nein, wirklich, das darf es nicht geben. Gekränkt schleicht das Akronym davon. Vielleicht hätte es bei den Herren vom Amtsdeutsch mehr Glück, die stehen sowieso nicht so gut mit den Grammatikern.

Die Ideen tragen schwarz und kapseln sich ab. Sie beklagen ihren Ausverkauf, die Flecken auf ihren Gewändern, den hohlen Klang, der sie in Echos verfolgt. Gerechtigkeit. Harmonie. Frieden. Wenn sie sich unbeobachtet glauben, flirten sie mit den Klischees auf ihren rosa Kissen.
Manche Wörter gehören zu keiner Clique. Manche sind überall zuhause, Bewegung zum Beispiel oder Veränderung. Sie kennen jeden, grüßen jeden und sind, scheint’s, überall gleichzeitig. Die Modewörter beneiden sie darum.
Andere brauchen nichts und niemanden, ruhen in sich selbst und ihrer klaren Bedeutung. Hängematte pflegte zu ihnen zu gehören, doch man sagt, selbst sie nimmt jetzt Geld von der Propagandastelle, die unschuldige Wörter einkauft und für ihre Zwecke benutzt. Hängematte bestreitet das: Es handle sich um eine Metapher, und für ihre Metaphern sei sie nicht verantwortlich.

Und manche sind ihrer Natur nach nirgends zuhause. Da sind sie, in Schwarz wie die Ideen, doch weder fleckig noch schick, eine alte Familie zeitloser Wörter, die jeder benutzt und keiner bezahlt, ein stolzes Lumpenpack, niemand und nimmermehr, nein und nicht und nirgends und all ihre Brüder und Schwestern, die Negationen. Kein Wort will mit ihnen zu tun haben, sie verkehren sie, krempeln ihr Inneres nach außen, machen sie zu Fremden in sich selbst. Jeder weiß natürlich, man kann sie nicht nicht einladen. Sie bringen ihre Widersprüche mit wie arme Verwandte, und alle wünschen, sie würden woanders hingehen.

Aber so ist das auf Partys, besonders auf großen: Letztlich kann man sich nicht aussuchen, wen man trifft.
Irgendwann ist die Party aus, und alle gehen nach Hause, zwischen Buchdeckel und in Reden, in Akten und Gedichte, in Gespräche, Rufe, Befehle und Klagen. Sie haben viel gesehen, viele andere Wörter getroffen und – alles in allem – nichts dazugelernt. Was erwartet man.
Trotzdem freuen sie sich alle auf die nächste Party.

Ingeborg Denner