Archiv für September 2011

Aus gegebenem Anlaß: Das Feuer und das Wort. Offener Brief an Berthold Brecht.

Lieber Berthold Brecht,

dieses eine Mal in Santiago, erinnerst du dich? Während sie, die immer Gleichen, ihre Arbeit als Brandstifter gegen das Papier und die Buchstaben verrichteten… während sie mit ihren Gewehren die Bücher in den Scheiterhaufen im Hof meines Hauses stapelten… dieses eine Mal in Santiago 1973, ich, geduckte Gestalt voller Angst, dachte an dich.

Die Buchrücken verbrannten geschwind in jenem düsteren Frühling; die Blätter knisterten, die Gesichter auf den Fotos verzerrten sich; der Rauch war unerträglich blau und schwarz…
Sie und wir, wir und sie schrieen in verschiedenen Tonlagen, schrieen… und die Feuer brannten, im Hof durch ihre Stiefel noch verstärkt, durch ihre Waffen, unsere Bücher, unsere Dokumente und Liebesbriefe… Sogar die Marx Brothers verbrannten.

Die Soldaten brüllten Schimpfworte und Verfluchungen. Wir mit unserer endlosen Angst, in die Brandherde zu fallen und in das Labyrinth verborgener Kerker der Folter, des Verschwindens, des Wahnsinns.

Ich konnte nicht von ihnen fordern, dass sie meine Bücher verbrannten, wie du es getan hattest, Berthold, weil ich noch keines geschrieben hatte. Ich war kaum eine Studentin im Fach Journalismus, die gerade begonnen hatte, vor dem Entsetzen, das sie erlebte, ihren Verstand im Schreiben zu schärfen.

Unter dem Bett von Alcibiades, aus meiner Wohngemeinschaft, fanden sie die riesigen Bände von „Das Kapital“, danach wusste ich nichts mehr von ihm. Die letzte Spur seines Lebens waren seine Bücher gewesen, die im Hof meines Hauses in der Septemberhölle verbrannt wurden.

Monate später, als Überlebende des Brandes unserer Existenz, traf ich Alcibiades mit seinem ewigen großen Lächeln unter dem Schnurrbart – auf irgendeiner Straße von Buenos Aires, wo ich – in einem Lastwagen versteckt – landete. Ich hatte geglaubt, er wäre schon tot, wie so viele andere Bekannte, die umgekommen oder verschwunden waren.

Zu jener Zeit war Argentinien noch ein freies Land, bis drei Jahre danach die Bücher und die Freigeister mit der gleichen Brutalität wie in Chile und wie in deinem Deutschland damals, Berthold, verbrennen sollten. Und der Diktator Videla äußerte im Fernsehen in Bezug auf die Vermissten: „Es bleibt ein Rätsel. Er ist ein ‚desaparecido’, hat keine Identität, ist einfach nicht da, weder als Lebender noch als Toter, er ist ‚verschwunden’.“

Ich schreibe dir diesen Brief aus Kalifornien im Jahre 2008, während Bush und seine Komplizen die Worte und den Geist von Irak verbrennen, dieses Feuer, das nie zu Ende geht in der Geschichte der Schande.

Eine unsägliche Angst vor den Worten haben sie, diese Mörder aller Freuden!
Alter Berthold, danke, dass du uns daran erinnerst. Auf Wiedersehen, bis wir uns im Paradies der Worte wiedertreffen werden.

Isabel Lipthay
Aus dem Spanischen übersetzt von
Dr. Pilar Baumeister

Isabel Lipthay ist eine chilenische Autorin und Sängerin. Sie floh vor der politischen Verfolgung durch die Pinochet-Diktatur und lebt in Münster.
www.contraviento.de

aus der Luftruinen-Ausgabe 4, Frühling 2009

VERTIGO spin-off: Die Schlümpfe in: AUSGESCHLUMPFT. Ein Energiewirtschaftsmärchen.

Das Atomkraftwerk von Schlumpfhausen ist explodiert. Na so was. Über Nacht sind alle Schlümpfe grün geworden und leuchten im Dunkeln. Manche Schlümpfe sind sogar schon grüner als das Laub der Schlumpfhausener Dorfeiche. Nur der Atomstromschlumpf will nicht so richtig grün werden. Au backe. Abweichler mögen die Schlümpfe so gar nicht. Bei ihnen soll immer alles schön einheitlich sein. Schlau wie die Schlümpfe nun mal sind, verpassen sie dem Atomstromschlumpf eine Terawattladung Ökostrom. Da zappelt der Atomstromschlumpf und wird im Nu so richtig schön leuchtend grün. Das liest sich als Pressemitteilung im Wirtschaftsteil dann beispielsweise so:

Montag, 05.09.2011
Die Presseabteilung von RWE meldet, dass der Konzern den Bau von zwei neuen Windparks in NRW plant.
Der Ex-Atomstrom-Monopolist macht sich ans Ökostrom-Monopol. Merkste was? Jürgen „Wehret den Anfängen einer Öko-Diktatur!“ Grossmann wird wahrscheinlich Manager des Jahres. Wenn der so weitermacht, wird er noch Bundeskanzler.

Robert Martschinke
zur Zeit nicht in der Printausgabe veröffentlicht

VERTIGO oder: Nach der Sommerpause ist vor der Sommerpause.

Sonntag, 08.05.2011
Jetzt zeigt sich, was in islamischen Ländern abgeht, wenn der Diktator weg ist und die demokratische Freiheit sich entfaltet: In Ägypten brennen die ersten christlichen Kirchen. Das sieht in der Glotze dann aus wie Reichskristallnacht reloaded mit Turbannazis. Spassfaktor: Geht so.

Donnerstag, 26.05.2011
Die Jungs vom Fach vom Universitätsklinikum Münster haben rausgefunden, dass EHEC, nach Rinderwahn, Geflügelpest und Schweinegrippe der neueste Grund zur öffentlichen Panikattacke, dass EHEC also von spanischen Salatgurken kommt.
Dass mir das mal nicht die nächste Schwulenpest wird.

Dienstag, 31.05.2011
Deutschland knippst die AKWs aus. Jürgen Grossmann, Chefpenunzensauger bei RWE, wittert prompt den Aufzug einer „Ökodiktatur“. – Klingt wie Hitler, der vor der moralischen Verkommenheit des Stalinismus´ warnt. Allerdings ungleich schlaffer. Eigentlich komisch. Jetzt wo die Merkel ihn nicht mehr regelmäßig in den Mund nimmt…

Mittwoch, 29.06.2011
Plassberg, ARD, Thema: PID. Präimplantationsdiagnostik. Peter Hintze ist voll dagegen.
Wär´ ich an seiner Stelle auch.

Donnerstag, 11.08.2011
Schluss mit Sommerpause. Jetzt geht auch in England das Volk auf die Straße. Die Aufnahmen von Jugendlichen, die sich mit vermummten Bullen prügeln und Autos in Brand stecken, könnten auch aus Syrien, Ägypten, Tunesien, dem Jemen, Griechenland, Portugal oder Spanien stammen. Premier Cameron hat heute angekündigt, „zur Not“ auch die Armee gegen das eigene Volk einzusetzen.
Hausaufgabe: Definiere Diktator.

Freitag, 12.08.2011
Bundeswirtschaftsminister Brüderle (FDP) kritisiert den massiven Stellenabbau beim Energiekonzern EON. Seiner Ansicht nach habe es das Unternehmen versäumt, sich zeitnah auf dem Markt für erneuerbare Energien zu etablieren.
Das sagt einer, der seiner Klientel noch vor knapp einem Jahr eine Laufzeitverlängerung für ihre AKWs bis zum Jahr 2035 ins Gesetzbuch geschrieben hat.
Hausaufgabe: Definiere Verlogenheit.

Sonntag, 14.08.2011
Bundesentwicklungsminister Niebel (FDP) lehnt eine Aufstockung der Hilfe für Afrika ab. Zitat: „Es geht nicht darum, Menschen kurzfristig vor dem Verhungern zu retten.“ Worum es stattdessen geht, sagt er nicht. Braucht er auch gar nicht.
Hausaufgabe: Definiere menschenverachtendes Stück Scheiße.

Sonntag, 21.08.2011
Die NATO-Truppen in Libyen haben Gaddafi festgenommen. Jetzt soll er sich vor dem EU-Gerichtshof in Den Haag wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ verantworten.
Da fremdschämt man sich jahrzehntelang für die verlogenenen Amis, die erst Saddam Hussein installieren, dann jahrelang töfte Geschäfte mit ihm machen und – als er droht, den Ölhahn zuzudrehen – als bösen Menschenfresser zum Abschuss freigeben. Und nun macht´s die EU mit Gaddafi genauso. Auch der hat nämlich gedroht, seine Pipelines trocken zu legen. Und steht nach Jahren der blühenden Geschäftsbeziehungen (auch mit Frau Merkel persönlich) nun plötzlich wegen Folter und Mord vor Gericht. Damit hat sich Brüssel nach der „Euro-Rettungsschirm“ genannten Mästung der internationalen Finanzmärkte nochmals selbst übertroffen. Mittlerweile schämt man sich nicht mehr nur, Deutscher zu sein; mittlerweile schämt man sich schon für diesen ganzen Kontinent.
Manchmal ein mittleres Wunder, dass man sich noch nicht für die ganze Welt schämt. Ist wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit.

Montag, 22.08.2011
Top-Nachrichtenmeldung des Tages: Gaddafi ist doch nicht festgenommen worden.
Kein Kommentar.

Dienstag, 23.08.2011
Neben Berlin und Hamburg werden nun auch in Düsseldorf vermehrt Autos abgefackelt. Das kurbelt nachhaltig die Binnennachfrage nach dem deutschen Exportschlager Nr. 1 an. Bravo, ihr pyromanen Antikapitalisten.

Montag, 29.08.2011
Guido Westerwelle ist auf dem Sprung. Einer der lächerlichsten und gefährlichsten (Diese beiden Eigenschaften bedingen einander in dieser Berufsgruppe offenbar gegenseitig.) Politiker der bundesrepublikanischen Geschichte steht – deutet man die Zeichen richtig – kurz davor, auch vom letzten ihm verbliebenen Amt, dem des Bundesaußenministers, zurückzutreten. Beziehungsweise zurückgetreten zu werden. Freiwillig ist noch keiner aus der Politik ausgeschieden.
Dass einem Kapital-Feudalisten wie Westerwelle, der die Mehrheit seiner Mitbürger für lebensunwerte Schmarotzer hält und der mit seiner Klientel-Politik der „Demokratie“ in Deutschland in den letzten zwei Jahren wahrscheinlich mehr Schaden zugefügt hat als NPD und Linke zusammen (wofür wir ihm von Herzen danken), und dem naturgemäß nicht daran gelegen sein konnte, gegen einen Diktator wie Muammar Gaddafi aufzutreten, der zwar sein eigenes Volk bestialisch zerfleischt, mit dem sich jedoch hervorragend Geschäfte machen lassen, dass dem gerade letztere Haltung letztendlich das politische Rückgrat bricht. – Das ist – mit Verlaub – dann doch zum Lachen.
Die schwarz-gelbe Koalition indes wird auch an Westerwelles Rücktritt vom Amt des Außenministers ebensowenig zerbrechen wie an allen anderen Rücktritten, die sie bisher verkraften musste. Warum auch? Es gibt nur einen Politiker, auf den sie nimmer verzichten könnte: Angela Merkel. Und die ist mit beiden Arschbacken an ihrem Stuhl festgetackert.

Donnerstag, 01.09.2011
Libyen ist offiziell „befreit“; jetzt geht das Rattenrennen los: Wer darf sich beim „Wiederaufbau“ des Landes dumm und dämlich verdienen? Im Irakkrieg durften die Europäer zwar mitkämpfen, letztendlich wurde das Land jedoch unter U.S.-amerikanischen Großkonzernen aufgeteilt. Desto schärfer ist „Die Alte Welt“ jetzt auf alles, was in, aus und mit Libyen zu holen ist. Um das auszuhandeln, haben Wirtschaftsvertreter von über 60 Nationen aktuell in Paris getagt. (Als sog. „Geberkonferenz“. – Scheisse…) Ergebnis: Obwohl Kanzlerin Merkel den Libyern jede nur erdenkliche „Hilfe“ anbietet, wollen die lieber mit den Franzosen Geschäfte machen. Könnte an Merkels verlogener Fresse liegen. Könnte aber auch am (nicht nur von ihm selbst) falsch verstandenen Pazifismus des damaligen Bundesaußenministers Westerwelle liegen. Tja, Frau Merkel. Wieder wirtschaftspolitisch versagt. Müssen deine Vorgesetzten aus den Führungsetagen der DAX-Unternehmen sich auch weiterhin darauf beschränken, dein Stimmvieh auszubeuten. Sag´ mal: Wie verkauft man das dem Pöbel?
Egal. Ich würd´ übrigens auch keine Geschäfte mit Ihnen machen, Frau Bundeskanzlerin. Da käme nichts bei raus. Wir bescheissen beide wie die Juden.

Freitag, 02.09.2011
Griechenland, mittlerweile bis zum Erbrechen mit „Hilfsgeldern“ gemästet, kommt wirtschaftlich auf keinen grünen Zweig. Anscheinend kann man sich ´ne funktionierende Wirtschaft nicht einfach so kaufen…

Samstag, 03.09.2011
In Libyen beginnt alldieweil nach erfolgreicher Revolution das Große Reinmachen. Bei solchen Gelegenheiten kommen gern mal Sauereien ans Licht, die das Vorgängerregime nicht umsonst unter den Palastteppich gekehrt hat. Zum Beispiel, dass der amerikanische Geheimdienst jahrzehntelang prima mit der Gaddafi-Mafia zusammengearbeitet hat, nicht nur wenn´s darum ging, vermeintliche Terroristen in aller Ruhe zu Tode foltern zu können. Finden die Libyer im Allgemeinen nicht so toll. Wenn die wüßten, wer schon alles mit Muammar im Zelt gesessen und Kamelstutenmilch gesoffen hat. Die würden die NATO-Truppen ganz schnell wieder rausschmeissen…
In Bochum marschieren alldieweil die Nazis auf. Da prügeln die hundertfach aufgefahrenen Polizeikader naturgemäß lieber auf die Gegendemonstranten ein. Gleichzeitig berschwören Politiker (fast) aller Lager ihr Stimmvieh, bei der anstehenden Landtagswahl in Meck-Pomm diesmal nicht wieder so viel die Nazis zu wählen. Heuchelei und Verlogenheit pur. Kühne Idee: Die Nazis wählen, bis sie die Republik übernehmen. Die Nazis den parlamentarisch gestützten Kapital-Feudalismus abschaffen lassen. Und dann die Nazis abschaffen.
Die dämlichen Faschos instrumentalisieren und danach entsorgen. Warum eigentlich nicht? Für irgendwas müssen die doch zu gebrauchen sein.

Sonntag, 04.09.2011
Meck-Pomm hat gewählt. Die FDP hat mit 2,7 (in Worten: zweikommasieben) Prozent nicht mal halb so viele Stimmen bekommen wie die Nazis. Ist zumindest schon mal eine von den beiden Spinnertruppen erledigt.

Montag, 05.09.2011
Zum Zehnjährigen am nächsten Sonntag warnt Innenminister Friedrich mal wieder vor erhöhter Terrorgefahr in Deutschland. Zu recht: Der Terror, wenn die Politprominenz zu solchen Jahretagen vor die Mikrophone tritt und den Mund aufmacht, ist in der Tat bestialisch.

Robert Martschinke
zur Zeit nicht in der Printausgabe veröffentlicht

Sommerabend

letzte Sonnenstrahlen
überlassen der grünen Abendkühle
den kleinen Park

vor dem Eisengitter
wildes, hohes, struppiges Gras
ahnt Taunässe
streckt sich danach

die Bäume warten
wie Wächter
auf die Nacht

tanken kühles Dunkel

ahnen schon die Hitze
in der der Schatten
Kühle zurück fordert

Herbert Beesten
aus der Luftruinen-Ausgabe 5, Sommer 2009

Lügenstraße

Diese Straße ist eine Lüge. Sie ist eine alte und etablierte Lüge, sie hat sogar Anerkennung im Stadtplan gefunden und trägt den Namen eines lange toten Bürgermeisters. Aber sie ist eine Lüge. Ich weiß das. Ich lebe hier.
Die Häuserfassaden tragen Zierat des letzten Jahrhunderts. Schilder sprechen von Renovierung, von entstehenden Luxuseigentumswohnungen, aber die Fenster der Häuser, in denen 365 Tage im Jahr kein Hammer und kein Pinsel geschwungen wird, schweigen, zu stolz für die Wahrheit.
Man spricht von guter Nachbarschaft, es gab ein Straßenfest im Sommer. Die Lüge dauert an. Die Leute, wenn sie sich im Treppenhaus treffen, schweigen wie die Fenster. Sie wohnen zu lange hier. Mit den Jahren werden Lügen zu schwer, um sie noch abzuwerfen.
Sie ist keine großartige Lüge, diese Straße, keine Poetenlüge vom Zirkus in der Stadt, von Regenbogenpfaden. Sie ist die Lüge eines ganzen Lebens, die Schlimmste aller Lügen, das Leugnen, das Nichtwissenwollen. Die Schreie nachts in der Wohnung hat niemand gehört. Die Frau, die auf der Straße weinte, hat niemand gesehen. Den Mann, an dessen Händen Blut war, als sie ihn festnahmen, hat niemand gekannt.
Aber man kann nicht so lange lügen, nicht so lange schweigen, ohne daß die lebendige Welt selbst es spürt. Die Straße wird dünner, leichter, an heißen Sommertagen flimmern die Häuser und werden durchsichtig. Geräusche werden von ihnen nicht mehr zurückgeworfen, sie verhallen in der Leere. Taxifahrer finden die Adressen nicht mehr.
Vor hundert Jahren wurden diese Häuser gebaut, aus Gips und Latten, billigen Ziegeln und Stuck. Sie brechen unter den Tritten. Vielleicht lösen sie sich eines Tages ganz auf und verwehen, und die wirkliche Welt wird sie vergessen haben.

Ingeborg Denner
aus der Luftruinen-Ausgabe 5, Sommer 2009