Archiv für August 2011

hommage à hypnos

starre ozonlöcher in die luft
meine alkoholfahne hängt auf halbmast
gitarren und preßlufthammer zerreißen meinen kopf
eine kugel im labyrinthspiel
die löcher warten schon

der aschenbecher qualmt gelangweilt
in media res
schimmelt sich eine apfelkitsche davon

die erinnerung
die nacht fiel
über die letzten tagesfetzen her und

die sonne knallte
noch verzweifelt
ihre letzten staubzerfressenen strahlen
auf fliehende menschen
unterm brennglas und auf dem backblech
bis der himmel trauer trug und
zwischen dem milchigen bierkäfig bildete
sich ein prilschaumtrapez und

jetzt jault und jammert
der wasserkocher um erbarmen
zerfrißt alsbald eiskalt
die milchwolke den teehimmel
wie ein gelber trauerflor
der wasserhahn hat volles rohr
schluckauf
flüssigkeit jeder klarheit entrissen
aus dem toaster kriecht
asche
vertrieben aus
meinen montagsmorgengeplagten sehorganen
durch blutfarbene marmelade

ewige erdbeerhänge
sind wirklich nicht wirklich

sissy voss
aus der Luftruinen-Ausgabe 1, Sommer 2008

Heute der Kühlschrank…

In dieser Nacht rumpelte es wieder im Kühlschrank. Ich stand auf, überprüfte die Schlösser: Sie hielten noch, nur die Wände schienen sich etwas weiter ausgebeult zu haben. Besorgt legte ich mich wieder hin.
Der Kühlschrank mußte unbedingt entsorgt werden. Aber wohin? Gorleben fiel mir ein. Vielleicht würde das Salz dem Kühlschrankinhalt das Wasser entziehen und ihn umbringen. Oder man könnte den ganzen Kühlschrank in Glas eingießen. Nur, wer sollte das bezahlen? Eigentlich ist doch der Staat dafür zuständig, die öffentliche Sicherheit zu finanzieren… Aber wer würde mir glauben?

Es hatte angefangen, als ich aus dem Urlaub diesen Sommer zurückkam. Die Stadtwerke hatten mir den Strom abgedreht, weil ich im Urlaub natürlich nichts bezahlt hatte. Der Kühlschrank, ein Erbstück aus den fünfziger Jahren, auf den ich sehr stolz gewesen war, ehe er zu meiner Nemesis wurde, stand in einer übelriechenden Pfütze.
Ich öffnete die Fenster, damit die Pfütze besser wegtrocknete, und vergaß die Sache. Als sie mir nach einiger Zeit wieder einfiel, verdrängte ich sie. Ich konnte mich einfach nicht überwinden, mich dem Grauen im Inneren des Kühlschranks zu stellen. Man wird das verstehen. Immerhin bezahlte ich die Stromrechnung wieder.
Vielleicht würde Fritz zu Besuch kommen und, wie er das immer tat, über meine verlotterte Hauswirtschaft die Hände überm Kopf zusammenschlagen und beim Weggehen den Müll mit runternehmen. Fritz, wie man sieht, graut es vor nichts.
Eine Woche später kam eine Postkarte von Fritz: Seine Firma hatte ihn in die äußere Mongolei versetzt.

Da saß ich nun mit meinem Kühlschrank.
Manchen Abend starrte ich ihn an und fragte mich, was ich vor meinem Urlaub darin vergessen hatte. Ich rief all meine Freundinnen an, die meist besser wissen als ich, was in meiner Bude wo zu finden ist, und kam auf folgende Liste: Ein paar Möhren. Eine angebrochene Dose Ölsardinen. Ein alter Socken. Ein Rest Nudelauflauf. Ein Feuerzeug. Zwei Paprika. Ein Joghurt. Mein Bibliotheksausweis. Ein halber Schokoladenweihnachtsmann und ein Rest von einem Glas Essiggurken.
Ich seufzte und beantragte einen neuen Bibliotheksausweis.
Damals fürchtete ich mich am meisten vor den Ölsardinen und dem Nudelauflauf. Den Essiggurken traute ich nicht genug Initiative und Reaktionsfreudigkeit zu, um eine Bedrohung darzustellen. Wie schrecklich habe ich mich geirrt!
Im Herbst kam Ellen zu Besuch und öffnete, auf der Suche nach Bier, den Kühlschrank, ehe ich sie warnen konnte. Als ich sie wiederbelebt hatte, stammelte sie etwas von Ölsardinen, die um die Überreste eines Schokoladenweihnachtsmanns kämpften. Das bestätigte meine schlimmsten Befürchtungen. Ich trauerte etwas um den Weihnachtsmann, der ein guter alter Kerl gewesen war, und klebte ein Schild auf die Kühlschranktür: Außer Betrieb.

Wochen vergingen. Ich spielte mit dem Gedanken, die Feuerwehr oder den Katastrophenschutz zu benachrichtigen, kam mir dann aber doch lächerlich vor.

Eines Nachts hörte ich, wie der Kühlschrank sich öffnete. Entsetzt fuhr ich auf, griff mir die Rückenlehne des kaputten Stuhls aus der Ecke und pirschte mich an den Kühlschrank heran. In dem schmalen Lichtstreifen, der aus der offenen Kühlschranktür fiel, sah ich zwei angeschlagene Ölsardinen fluchtartig ihre Heimat verlassen. Ich erschlug sie mit der Stuhllehne und betrachtete gerade angewidert ihre Überreste, als sich plötzlich ein Schatten vor den Lichtstrahl aus dem Kühlschrank schob. Ich schlug die Kühlschranktür zu – in letzter Sekunde, wie mir ein dumpfer Schlag und ein Klappern im Inneren des Geräts verrieten.
In dieser Nacht fand ich keine Ruhe mehr. Was war es, daß den Ölsardinen so übel mitgespielt hatte? Was hatte in dieser Nacht versucht, aus dem Gefängnis des Kühlschranks zu entkommen? Der Joghurt? Der Nudelauflauf? Ich holte eine Rolle Klebeband aus dem Wäschekorb und verklebte die Kühlschranktür, fest entschlossen, es niemals herauszufinden.
Aber die menschliche Neugier ist stärker als die menschliche Vernunft. Was ging in meinem Kühlschrank vor sich?

Kurz vor Silvester konnte ich der Versuchung nicht länger widerstehen. Lautlos durchtrennte ich das Klebeband und riß die Tür auf.
Das plötzliche Licht schockierte die Essiggurken, die um den umgedrehten, leeren Joghurtbecher herum auf dem Gemüsefach saßen. Die Wände waren grausig mit den Gräten besiegter Ölsardinen dekoriert. Eine besonders große Gurke, die grade Diagramme in den Rauhreif an den Wänden kratzte, drehte sich zu mir um. Im Gemüsefach selbst gingen zahllose Essiggurken ihren täglichen Geschäften nach, lebten, wuchsen und vermehrten sich zweifelsohne.
Ich warf die Kühlschranktür zu und sicherte sie nicht nur mit Klebeband, sondern auch mit allen Fahrrad- und Motorradschlössern, die ich finden konnte.

In der folgenden Nacht rumpelte es wieder im Kühlschrank. Ich schlich mich heran und hörte die essigsaure Stimme der Großen Gurke. Ich verstand sie nicht, doch es klang, als würde sie eine Rede halten. Manchmal antwortete ein Chor geringerer Stimmen. Sie schienen ein Marschlied zu singen.
Ich konnte nicht mehr schlafen. Morgen werde ich irgendjemanden anrufen. Nur – wer ist für meinen Fall zuständig?

Ingeborg Denner
aus der Luftruinen-Ausgabe 1, Sommer 2008

Eine von diesen Partys

Es war eine von diesen Partys, wo Wörter sich treffen. So etwas muß es ja auch geben, und für gewöhnlich sind sie gut frequentiert. Wörter aller Klassen und aller Herkunft treffen sich dort. Aber wie das so ist, auf Partys bilden sich Cliquen und Grüppchen, die in den Ecken stehen und an ihrer Buchstabensuppe nippen.
Da hinten sitzt das Amtsdeutsch mit grauen Gesichtern und ernstem Blick, es debattiert über Wortzulassungen und Buchstabenquoten. Nicht einmal die Modewörter, die quirligen Sehen-und-gesehen-werden-Wörter, verlaufen sich in diese Ecke.
Drüben bei der Sektbar steht der poetische Kreis. Kunstwerke, jedes einzelne von ihnen, manche nicht den Launen der Sprachentwicklung entsprungen, sondern Kinder namhafter Väter: Wolkendunst steht dort und Glasmenagerie.
Die Klischees fläzen sich auf der Sitzgruppe. Herz und Schmerz sind immer noch am turteln – mitten im Spotlight, natürlich. Wörter kommen meist in Gruppen oder Pärchen hierher. Einige gehen irgendwann wieder, viele bleiben hängen. Es ist so gemütlich hier bei den Klischees.
Vom Balkon kommen fröhliche Stimmen. Das sind die Klangwörter, die lautmalerischen Wörter, und sie haben entschieden zuviel Sekt gehabt, sie kichern und freuen sich an sich selbst. Firlefanz ist da und Dösbaddel, Holterdiepolter, und auch Sauerkraut hat auf einen kurzen Lacher vorbeigeschaut, ehe es wieder in den vertrauten Kreis der Haushalts- und Küchenwörter zurückgeschlappt ist, lauter nüchterne, vernünftige Wörter, die nur selten zu Eskapaden neigen.

Vernünftige, sachliche Wörter stellen auch auf diesen Partys die Mehrheit, selbst wenn man sie nicht wahrnimmt.
Nur die Mitglieder des grammatikalisch-lexikalischen Zirkels beachten sie. Diese Wörter sind sehr ernsthaft, und manche von ihnen sind immer noch fremd hier: Kasus, Genus, Deklination. Eingeborene dieser Sprache sind Wortwahl und Stil. Sie alle beobachten und notieren. Ein neues Wort, der ehrwürdige Zirkel schüttelt die Köpfe. AlMilMö, nein, wirklich, das darf es nicht geben. Gekränkt schleicht das Akronym davon. Vielleicht hätte es bei den Herren vom Amtsdeutsch mehr Glück, die stehen sowieso nicht so gut mit den Grammatikern.

Die Ideen tragen schwarz und kapseln sich ab. Sie beklagen ihren Ausverkauf, die Flecken auf ihren Gewändern, den hohlen Klang, der sie in Echos verfolgt. Gerechtigkeit. Harmonie. Frieden. Wenn sie sich unbeobachtet glauben, flirten sie mit den Klischees auf ihren rosa Kissen.
Manche Wörter gehören zu keiner Clique. Manche sind überall zuhause, Bewegung zum Beispiel oder Veränderung. Sie kennen jeden, grüßen jeden und sind, scheint’s, überall gleichzeitig. Die Modewörter beneiden sie darum.
Andere brauchen nichts und niemanden, ruhen in sich selbst und ihrer klaren Bedeutung. Hängematte pflegte zu ihnen zu gehören, doch man sagt, selbst sie nimmt jetzt Geld von der Propagandastelle, die unschuldige Wörter einkauft und für ihre Zwecke benutzt. Hängematte bestreitet das: Es handle sich um eine Metapher, und für ihre Metaphern sei sie nicht verantwortlich.

Und manche sind ihrer Natur nach nirgends zuhause. Da sind sie, in Schwarz wie die Ideen, doch weder fleckig noch schick, eine alte Familie zeitloser Wörter, die jeder benutzt und keiner bezahlt, ein stolzes Lumpenpack, niemand und nimmermehr, nein und nicht und nirgends und all ihre Brüder und Schwestern, die Negationen. Kein Wort will mit ihnen zu tun haben, sie verkehren sie, krempeln ihr Inneres nach außen, machen sie zu Fremden in sich selbst. Jeder weiß natürlich, man kann sie nicht nicht einladen. Sie bringen ihre Widersprüche mit wie arme Verwandte, und alle wünschen, sie würden woanders hingehen.

Aber so ist das auf Partys, besonders auf großen: Letztlich kann man sich nicht aussuchen, wen man trifft.
Irgendwann ist die Party aus, und alle gehen nach Hause, zwischen Buchdeckel und in Reden, in Akten und Gedichte, in Gespräche, Rufe, Befehle und Klagen. Sie haben viel gesehen, viele andere Wörter getroffen und – alles in allem – nichts dazugelernt. Was erwartet man.
Trotzdem freuen sie sich alle auf die nächste Party.

Ingeborg Denner
aus der Luftruinen-Ausgabe 1, Sommer 2008

Neuer Blog vom Luftruinen-Autoren Robert Martschinke

Die Kolumne Südkurvenslalom, bis dato im hiesigen Gefilde, hat nun ihren eigenen Platz gefunden, worauf wir hier verweisen:
http://suedkurvenslalom.blogsport.de/
Da nich für, Robert.

Und das wäre dann der Inhalt…

Editoriales Substitut: Ní Gudix: Die Wahrheit ist in dir
Wilko Franz: Die Partei der Angst ergreifen
Achim Leufker: Für die Jahreszeit zu kühl
isabel lipthay: das mädchen
Robert Martschinke: Stangls letzter Seufzer
Mika Reckinnen: Des Schneiders Schere
Alexander Schnickmann: Über Spiegelstraßen
Ingeborg Denner: Monster wie wir
Florian Löbel: Er stürmt
Christian F.: Der zweitbeste Roman der Welt
Walter Günnraff: Voll schizo
Daniel Schulz: Railgun
Jochen Knoblauch: Alles hübsch hier – bis vor kurzem. Nachruf
Jochen Knoblauch: Noch ein Buch der Bücher. Zu Alexander Pechmann. Rezension
Jörg Siegert: Elementöse Pogo-Melancholie. Zu M. Walking On The Water. Kritik
sissy voss: tod für das brot
Das letzte Wort: Georgie Fynn: Bücher dichten und am Leben vorbeileben