Archiv für Januar 2011

’77 – ’92

Diese Straße ist sehr grade, sie geht von West nach Ost, sie ist neu, mit glattem, schwarzem Asphalt. Sie fängt den Wind, und die Kinder, die in den neuen Häusern an dieser neuen Straße wohnen, fangen ihn auch, wenn sie Rollschuh laufen, fangen ihn in ihren Jacken, von West nach Ost laufen sie, schneller und schneller und mühelos vor dem Wind, ehe sie über die schlammigen, noch ungepflasterten Gartenwege in die neuen Häuser gehen, um zu Abend zu essen und sich dann von den Fenstern ihrer Zimmer aus, die noch keine Vorhänge haben, Zeichen zu geben, geheime Zeichen, die die ganze Straße sieht, mit Taschentüchern und Taschenlampen: Morgen treffen wir uns wieder!
Die Zeit vergeht. Gartenwege und Gartenzäune wachsen in und um Gärten, dann Gras, dann Blumen, dann Bäume. Die Kinder spielen Hinkekästchen auf der Straße oder Federball. Eins der Mädchen spielt jetzt Volleyball im Verein und zeigt den anderen, wie es geht. Der Ball springt hoch auf dem glatten Asphalt. Im Sommer werfen sie mit Wasserbomben, werden naß und lachen und malen Muster mit dem Wasser, das zum Rinnstein läuft. Wenn ein Auto kommt, schreien sie alle „Auto!“ und spritzen in alle Richtungen davon.
Die Sonne sinkt rot im Westen am Ende der Straße. Die Bäume haben die Höhe der Fenster erreicht, deren bunte Vorhänge jetzt Poster von Pferden, Motorrädern oder Rockstars verstecken. Die Mädchen sitzen auf dem Zaun, schauen nach Westen, sie sprechen von Träumen und von Zukunft, von Orten, wo man hingehen möchte, weit von hier. Die Jungen stehen in der Garage um ein Mofa herum, mit fachmännischen Gesichtern, Bier aus Vaters Keller in der Hand.
Es sind jetzt mehr Autos auf der Straße, zwei oder drei vor jedem Haus, viele Golfs und Fiestas und eine rebellische Ente. Die Kinder lassen Motoren und Autoradios laut laufen, stolz, sie kommen spät heim. Eine empörte Mutter schimpft mit ihrer Tochter. Autotüren knallen. Der Motor heult auf. Dumpfe Schläge aus dem Radio. Mütter führen Hunde spazieren. Väter pflastern die Gartenwege neu. Die Bäume, schnellwachsende Fichten, müssen bald geschlagen werden, sie überragen die Dachfirste, nehmen das Licht, sind eine Gefahr für Häuser und Autos, wenn die Herbststürme kommen.
Die kleinen, schnellen Autos sind wieder fort. Audis und BMWs sind zurückgeblieben. Zwei Männer von der Stadt sind gekommen und haben Schilder an den Enden der Straße aufgestellt: Spielstraße! Schrittgeschwindigkeit! Achten Sie auf die Kinder! Die Kinder, wenn sie sich in fremden Städten treffen, nicken sich kurz zu, wie flüchtige Bekannte. Der Westwind treibt die welken Blätter einer einzelnen alten Eiche über den ausgeblichenen Asphalt.

Ingeborg Denner
aus: Luftruinen-Ausgabe 10, Winter 2010/11

Macavitys Erben

Mein Name ist Jerome. Man nennt mich den „ernsthaften Jerry“. Der pummelige Tabby da drüben, der gerade eine Motte frißt, ist mein Bruder Tullamore, kurz Tully. Er guckt ’n bißchen dusselig, aber lassen Sie sich davon nicht täuschen, Tully ist ’n Genie.
Tully und ich hatten ’ne ziemlich schwere Kindheit, sind im Heim aufgewachsen. Da gab’s richtig harte Ganoven — die schwarze Tinka, die Ausbrecherkönigin, und Narben-Pete, den Schläger. Wir haben ’ne Menge Ohrfeigen gekriegt, vor allem ich, weil ich der kleinste war und so ein weißes Fell hatte, und immer haben die anderen uns alles weggefressen. Ich bin erst später gewachsen.

Unser Mensch hat uns da rausgeholt. Er macht das Katzenklo sauber, baldowert unsere Coups aus und krault mir den Bauch. Tully ist ’n bißchen etepetete, wenn’s ums Anfassen geht, und meint, wir bräuchten nicht wirklich ’n Menschen, aber ohne den Menschen wären wir immer noch im Heim. Und ich steh’ auf Bauchkraulen.
Das Beste ist, unser Mensch füttert uns. Leider war das immer nur so’n Napf voll, und wir waren Jungs im Wachstum. Wir haben dann kapiert, daß die Brekkies im Napf ja irgendwo herkommen mußten, und seither war Tully ganz kirre darauf, diese Brekkiebonanza zu finden.

Am Anfang war das echt einfach. Tully guckte, was der Mensch machte, wenn er Futter holte. Sobald er’s kapiert hatte, sind wir rauf auf den Schrank, runter mit der Dose und ran an die Beute. Später hat unser Mensch die Brekkies in ’nen Beutel getan, aber Tully hat den Beutel zerkaut, während ich Schmiere gestanden hab’. Dann war die Tüte hinter ’ner Tür, die haben wir auch aufgekriegt. Und dann hat unser Mensch so ’n Metallding an die Tür gemacht. Das war hart.
Drei Wochen Kohldampf schieben, und Tully starrte immer die Tür an und wie der Mensch sie aufmachte. Lag auf’m Schrank oder dem Boiler und lauerte. Ich weiß nicht, wie er’s am Ende gemacht hat, aber eines Tages war der Schrank auf und wir schlugen uns die Bäuche voll.
Also, Tully schlug sich den Bauch voll, und ich machte mir ernsthafte Gedanken darüber, was unser Mensch wohl sagen würde, wenn er nach Hause kam.

Unser Mensch guckte die Küche an und Tully (ich hatte mich hinter dem Sofa versteckt), pflanzte sich auf’s Sofa (ich verschwand unterm Sessel) und machte komische Geräusche. Dann sagte er: „Ich habe eine Idee.“
Wenn unser Mensch ’ne Idee hat, heißt das, wir kriegen ’n neues Spielzeug oder ’n neuen Kratzbaum, oder ’n neuen Korb. Unser Mensch hat die besten Ideen. In den nächsten Wochen spielte unser Mensch mit uns jeden Tag Brekkies finden. Wir hatten ’n Mordsspaß. Manchmal waren’s ’n paar Tage, bis wir an die Brekkies ’rankamen, aber am Ende kriegten wir sie immer. Irgendwann schnallte ich, daß die Tür, durch die der Mensch jeden Morgen verschwand und am Abend mit Beute wiederkam, sich auch aufmachen ließ, und die Welt stand uns offen.
Wir machten ’ne Menge Türen auf und kriegten fürchterlich Schläge von Zeus, dem Nachbarskater, dem es gar nicht paßte, daß wir seinen Futternapf inspizierten.
Aber wir waren jung und gesund und nach ’n paar Tagen wieder voll auf’m Damm.

Unser Mensch ging jetzt abends weg statt morgens, wenn die Vögel sangen, und roch nach Zeug, von dem ich niesen mußte. Er nahm immer ein paar Brekkies mit und brachte sie nicht zurück. „Er hat ’ne andere“, sagte Tully. „Blödsinn“, sagte ich. „Der frißt die selber.“ Tully guckte bedröpst.

Nach ein paar Wochen lud unser Mensch uns in sein Auto, was ich gar nicht mag. Das schaukelt immer so. Wir fuhren viel weiter als bis zum Tierarzt und stiegen an einem Ort aus, den ich nicht kannte, der aber roch wie unser Mensch, wenn er heimkam. Es gab viele Menschen, die alle so gespannt waren wie Katzen vor Mauselöchern und Klamotten trugen, auf denen Katzenhaare richtig gut aussehen. Ich nieste und fing gleich mal an zu haaren. Unser Mensch tigerte davon, ohne sich nach uns umzusehen. Wir also vorsichtig hinterher.
Ein Mensch in schwarzer Kleidung sah mich und hob mich hoch. Ich überlegte, ob ich ihn kratzen sollte, guckte ihn dann aber nur böse an. „Du darfst hier aber nicht rein, Hübscher“, sagte er und trug mich in einen Garten mit Springbrunnen. Er streichelte mir noch mal über den Kopf, ehe er mich runterließ.

Beim zweiten Versuch kam ich auch rein und fand Tully in einer Ecke mit einem Käsebrötchen. Ich guckte mich um. Es war alles sehr seltsam. Bis Tully auf einmal sagte: „Ich riech’ doch Brekkies.“ Ich schnupperte, und er hatte recht. Da war der Geruch von dem Papier, das die Menschen „Mäuse“ nennen und genauso aufregend finden, und der Geruch von Brekkies. Wir folgten ihm, bis zu der besten Tür, die wir je gesehen hatten. Viel, viel größer als alle Türen, die unser Mensch hatte. Die Vorstellung, wie viel Brekkies hinter so ’ner großen Tür sein mußten, ließ mich vor Ehrfurcht erstarren.

Wir brauchten ’ne Woche, um rauszukriegen, wie die Tür aufging. Der Mensch in schwarzer Kleidung nannte mich „Joe“ und gab mir von seinem Schinkenbrot. Das hätte den Coup fast platzen lassen, weil Tully wegen des Schinkenbrots maulte, und ich mußte ihm welche hinter die Ohren geben, damit er seinen Job machte, während ich den Menschen ablenkte.
Als wir die Tür endlich aufhatten, waren dahinter nur Menschen-Papiermäuse. Tully zerfetzte ein paar, um eine Handvoll zerkrümelter Brekkies zu finden, und ich ging zu unserem Menschen, um zu fragen, warum das so war. Unser Mensch knuddelte mich und sagte, Tully und ich seien die besten Katzen der Welt, und ging dann nachsehen, warum da nur so wenige Brekkies waren. Er packte all das Papier in eine große Tüte, fand aber auch keine Brekkies. Wir hauten ab und Tully ließ zum Trost noch’n Käsebrötchen vom Büffet mitgehen.

Am nächsten Tag kriegte ich ’ne klingelnde Plüschmaus und Tully ’n neuen Tigerschwanz, den er knurrend unter’s Sofa verschleppte. Ich brachte unserem Menschen die ganze Nacht die Maus, damit er sie wieder wegwerfen konnte. Es ist unser Lieblingsspiel.

Unser nächster Coup lief genauso glatt wie der erste, auch wenn wieder nur Berge von Mäusepapier hinter der Tür waren und nur ’ne halbe Handvoll Brekkies, und die auch noch staubig. Ich fragte mich langsam, ob unser Mensch für uns die richtigen Türen aussuchte, aber wir kriegten wieder Spielzeug, so war das wohl OK.

Ein paar Tage nach dem dritten Coup, als unser Mensch gerade Kletterseile für uns von einer Wand zur anderen spannte und dabei einen fürchterlichen Lärm machte, kamen böse Menschen in Grün und nahmen unseren Menschen mit. Sie durchsuchten alles und machten so ’ne Unordnung, daß unser Mensch bestimmt mit Streichholzschachteln nach ihnen geworfen hätte, wäre er dagewesen. Wir versteckten uns unterm Sofa und wurden nicht bemerkt.

Unser Mensch kam nicht wieder. Wir hatten genug Brekkies, aber das Katzenklo wurde langsam ekelig und niemand kraulte mich am Bauch. „So geht das nicht“, sagte ich zu Tully. „Wir müssen unseren Menschen finden.“
Tully maulte und wollte nicht. „Wir können auch draußen was verbuddeln“, sagte er. Ich biß ihm ins Ohr, weil er Blödsinn redete, und wir gingen zu unserem Ersatzmenschen. Unser Ersatzmensch begrüßte uns mit „Oh, ihr armen Jungs“ und sagte dann ein paar nicht sehr nette Sachen, als er sah, was wir mit seinem Kühlschrank gemacht hatten, während wir auf ihn gewartet hatten. Deswegen ist er nur unser Ersatzmensch.
Als er sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren konnte, kraulte er mich am Bauch, sprach mit so einem Menschenspielzeug und packte uns dann in sein Auto und fuhr zu ’nem Platz mit vielen Türen. Menschen lieben Türen. Unser Ersatzmensch packte Tully und mich in ’nen Einkaufskorb und ging mit uns rein. Drinnen waren viele Menschen in Grün, und mir sträubte sich das Fell. Unser Ersatzmensch begann zu reden. Er sagte oft „ihre armen Katzen“ und „herrenlos“ und „unglücklich“. Ich tat mein Bestes, um sehr unglücklich auszusehen, und weinte sogar ein bißchen. Schließlich lachte einer der Grün-Menschen und ging mit uns und unserem Ersatzmenschen zu unserm Menschen, der hinter noch ’ner Tür war und die nicht aufkriegte. Ich weiß echt nicht, warum Menschen Türen so toll finden und sie dann nich aufkriegen. Andererseits finde ich es toll, in die Badewanne zu fallen, das ist genauso blöd wie’n Mensch, sagt Tully.

„Kriegst du die auf?“ fragte ich Tully.
„Hältst du mich für blöd?“ fragte er zurück.

In der Nacht drauf kletterte Tully zum Fenster von unserm Menschen hoch. Unser Ersatzmensch und ich warteten im Auto. Es paßte mir gar nicht, hier rumzulungern und zu warten, aber das war kein Job für eine weiße Katze. Unser Ersatzmensch redete mit mir, und ich putzte mich.

Endlich tauchte Tully mit unserm Menschen auf. Wir fuhren wieder weg, erst mit dem Ersatzmenschen, dann mit unserem. Wir fuhren weiter und weiter, hielten manchmal an, um Grillen und Eidechsen zu jagen, und jedesmal, wenn wir ausstiegen, schien die Sonne heller. Dann fuhren wir mit etwas, das fürchterlich wackelte und wo es Vögel gab, die aussahen, als würden sie Katzen fressen, und weiter, bis wir zu einem großen Haus kamen, wo alle Türen offen waren.

Da leben wir jetzt, Tully, ich und unser Mensch. Es gibt hier ganz viele Plätze, wo man in der Sonne dösen kann. Tully hat angefangen, echte Mäuse zu fangen. Ich find’ das eklig. Grillen sind viel spaßiger. Unser Mensch bleibt jeden Tag bis zum Mittag im Bett und krault mir jeden Abend den Bauch. Und das Katzenklo ist immer picobello.

Ingeborg Denner
aus: Luftruinen-Ausgabe 10, Winter 2010/11

Vertigo – oder: Liebes Tagebuch…

Mittwoch, 04.08.2010
Flashback: Februar 2009, erfahrungsgemäß so gegen 14 Uhr.
Während das Kaffeewasser durchläuft, schaltet der Autor das Radio ein. Erste Meldung: „Angela Merkel hat sich umgebracht.“ Na bitte, geht doch. Noch Sekt im Kühlschrank?
Bei näherem Hinhören stellt sich dann heraus: Nicht Angela Merkel, sondern Adolf Merkle, Haupteigentümer des Pharmakonzerns ratiopharm, hat das Weite gesucht. (Vorn Zug geschmissen – auch so ’ne Kleinmädchenmethode. Wie Pillen schlucken. Oder Pulsadern aufschneiden. Sei’s drum. – Das Ergebnis zählt.)
Immerhin: Hat zumindest mal einer von den Kapitalisten die richtigen Konsequenzen gezogen aus der Sauerei, die sie veranstaltet haben.
Flash forward: August 2010.
Ein anderer Adolf, namentlich Sauerland, würde wahrscheinlich nicht mal dann an Suizid denken, wenn seinetwegen die Franzosen am Rhein und die Russen in Berlin stünden. Immerhin: Amtsmüdigkeit kann man deutschen Politikern nicht (mehr) vorwerfen. Zumindest dann nicht, wenn’s um die eigenen Altersbezüge geht.
Ich sag’ ja immer: So richtig scheiße geworden ist es, nachdem die RAF sich aufgelöst hat. Das war 1998, als Schröder Kanzler wurde und die SPD den Neoliberalismus für sich entdeckt hat. Mittlerweile nimmt Cem Özdemir in Anspruch, daß die Grünen die einzig wahren Erben der FDP sind.
Wer wohl so alles in den letzten Jahren wie weiland Hanns-Martin S. ein Pappschild in eine Kamera gehalten und danach ’ne Kugel kassiert hätte, darüber kann man nur spekulieren. Vielleicht hat sich die RAF ja auch in weiser Voraussicht aufgelöst: Das Arbeitspensum (wenn sie ernst gemacht hätten) wär’ mit den paar Leuten eh nicht zu stemmen gewesen.
Ersatzweise gibt’s ja mittlerweile Leute wie Robert Steinhäuser oder Tim Kretschmer.
Die müssten halt nur zur Abwechslung mal in den Bundestag gehen anstatt zur Schule.

Dienstag, 10.08.2010
Das Kriegsministerium plant, die allgemeine Wehrpflicht abzuschaffen. Damit wird Tausenden junger, hoch motivierter Männer eine militärische Ausbildung verwehrt, für die sie jetzt in ein Wüstencamp nach Pakistan pilgern müssen. Immerhin dürfte dort die Wahrscheinlichkeit ungleich geringer ausfallen, daß die Rekruten sich noch vor Ablauf der Grundausbildung totgesoffen haben.
Und in Afghanistan treffen sich sowieso alle wieder: die mit Glatze und Leberschaden und die mit ’nem Sonnenstich und ’nem Bart bis zum Sack.

Donnerstag, 02.09.2010
Die deutsche Jugend hat immer später zum ersten Mal Sex; und greift wieder häufiger zu Verhütungsmitteln.
Sind die Pisa-Versager vielleicht doch nicht so doof, wie sie aussehen.
Mit vierzehn ist man aber auch alt genug, um so langsam zu kapieren, daß Deutschland kein Ort mehr ist, um Kinder in die Welt zu setzen. Schon gar nicht versehentlich. Je schneller eine hoffnungslos überalterte Gesellschaft ausstirbt, desto besser. Dann ist Platz für Neues. Was das sein könnte, steht bei Thilo Sarrazin. Schlimmer wird’s auf keinen Fall.

Sonntag, 26.09.2010
Hurra Deutschland! Pünktlich zum Zwanzigjährigen kredenzt der gesamtdeutsche Menschenverachtungsapparat seinem nutzlosen Nutzvieh ’nen Heiermann mehr. Mehr sitzt nicht drin. Sonst verhungern uns noch die Banker.
Was ja wirklich schade wäre. Wenn’s irgendwann richtig zur Sache geht, möchten wir schließlich nicht auf das Vergnügen verzichten, die Saubande eigenhändig totzuschlagen.
Also, liebe Hartz IV-Kinder: Ihr kriegt jetzt so Gutscheine. Damit könnt ihr für lau in so Sportvereine. Geht am besten zum Baseball. Da lernt ihr schon mal, wie man mit ’ner Keule umgeht.
Diejenigen von euch, die so blöd oder so krank (oder beides) sind, dieses Scheißsystem für verteidigungswert zu halten, lernen so was später schließlich auch. Auf der Polizeischule.

Sonntag, 03.10.2010
Letzte Nacht geträumt, ich würd’ die Merkel vögeln. – Das kommt davon, wenn man vorm Schlafengehen kalte Milch trinkt.

Montag, 11.10.2010
Bundesfamilienministerin Schröder beklagt die angeblich zunehmende „Deutschenfeindlichkeit“ im eigenen Land.
Wie kommt die deutsche Schlampe denn auf so was?

Donnerstag, 14.10.2010
Die Uni Münster bildet jetzt auch Imane aus.
Netter Versuch; aber die, die es ernst meinen, studieren Ingenieurswissenschaften in Hamburg, bevor sie ihren Pilotenschein machen.

Samstag, 16.10.2010
Horst Seehofer verkündet alldieweil in vollendeter deutscher Führermanier: „Multikulti ist tot!“ Wer in Deutschland lebt, müsse sich zur „deutschen Leitkultur“ bekennen.
Na dann:
Heil Hitler.
Was war nochmal der Unterschied zwischen CSU und NPD?
Ach ja, richtig: Die NPD läßt sich nicht sponsern von einer Bande von Kinderfickern, die in ihrer Freizeit das Wort Gottes von der Kanzel predigen.
Kaum zu glauben, daß man mittlerweile schon optional auf den Gedanken verfällt, beim nächsten Mal die Nazis zu wählen. Wenn’s noch’n bißchen so weitergeht, sind die bald nur noch das kleinste Übel…
Horst Seehofer pflegt übrigens seine ganz eigene deutsche Leitkultur, indem er eine dreißig Jahre Jüngere schwängert, während die Frau Gemahlin zuhause das Essen nochmal warmstellt.
Davon kann unsereiner nur träumen.
In dem Alter sind die ja noch gar nicht geschlechtsreif…

Robert Martschinke
aus: Luftruinen-Ausgabe 10, Winter 2010/11

Luftruinen aktuell: Das große Lecken

wikileaks veröffentlicht geheime Dokumente aus der luftruinen-Redaktion

Im Zuge des neuesten Enthüllungscoups der Internetplattform wikileaks mußte die schockierte Öffentlichkeit nicht nur erfahren, daß unser Redaktionsmaskottchen Guido Westerwelle in Wirklichkeit ein selbstverliebter Fatzke mit Hang zum Dilletantismus und Angela Merkel ein stures Hosenscheißerchen mit Bratpfannenqualität ist (sind?); auch zahlreiche vertrauliche bis streng geheime Dokumente aus der luftruinen-Redaktion sind ans Licht gezerrt worden, wobei die Nacktfotos von sämtlichen Redaktionsmitgliedern von der letzten Karnevalsparty noch am unspektakulärsten sein dürften.
So geht beispielsweise aus einer abgefangenen Rundmail hervor, daß vier Fünftel der veröffentlichten Autoren tatsächlich Pseudonyme des Chefredakteurs sind.
Eine andere Mail belegt, daß die vorgeblich kapitalismuskritische Haltung, die in den luftruinen gepflegt wird, in erster Linie dem Zweck dient, Abonnenten aus der linken Szene abzufischen.
Ein interner Vermerk aus dem Geschäftsbuch des Café Eckstein’s, wo die Redaktion mehr oder minder regelmäßig zu konferieren pflegt, weiß von exorbitanten Saufgelagen zu berichten, mit Nutten, Koks und allem drum und dran; diese kostspieligen Orgien sind denn auch der tatsächliche Grund, weshalb der Einzelpreis pro Ausgabe vor einem halben Jahr um sagenhafte 66 Prozent erhöht wurde.
Seit einer verbalen Entgleisung in der Frühjahrsausgabe herrscht in den vorgeblichen Flugschriften für Freigeistkultur zudem eine strenge Zensur, was gewisse Reizwörter angeht.
Publik gemacht wurde außerdem ein Papier aus dem Bundesinnenministerium, in dem die Behörde eine Einschätzung der luftruinen vornimmt. Darin wird der Chefredakteur als „kleiner Möchtegern-Augstein“ bezeichnet. Ein anderes Redaktionsmitglied, das sich an dieser Stelle nicht selbst namentlich nennen möchte, erhält die Einschätzung „pseudointellektueller, extrem drogenaffiner Sonntagsschriftsteller“. Im Großen und Ganzen kommt das Ministerium zu der Einschätzung, daß die luftruinen keine Gefahr für die Jugend darstellen, weil die Jugend so was eh nicht liest.
Wie wikileaks an diesen ganzen Dreck herangekommen ist, ist nach wie vor ungeklärt. Sämtliche Redaktionsmitglieder sind der peinlichen Befragung unterzogen worden (inklusive Waterboarding und mehrtägigem Alkoholentzug); trotzdem will’s keiner gewesen sein.
Die Redaktion der luftruinen verurteilt die Veröffentlichungen von wikileaks aufs schärfste und behält sich weitere Schritte vor.
Ronny ist schon aktiviert.

Andi Mitbürger, Pressereferent
aus: Luftruinen-Ausgabe 10, Winter 2010/11

nichtssagend (und täglich grüßt ein sarrazin)

das müsse doch gesagt werden dürfen
sagt ein jemand
wie er es sagt
und wie er sagt
darf er das nicht sagen
was er sagt
und er sagt das
was er nicht sagen darf
in der BILD
im SPIEGEL
bei Beckmann
bei Plasberg
bei Maischberger
bei Illner

und viele andere sagen
das müsse doch gesagt werden dürfen
es sei vielleicht nicht alles richtig
was er sagt
aber dass er es sagt
sei richtig
und sie meinen
dass er das
was er sagt
angeblich nicht sagen darf
und sagen dasselbe
in der BILD
im SPIEGEL
bei Beckmann
bei Plasberg
bei Maischberger
bei Illner
beim Bäcker
auf der Straße
im Internet

und ich sitze am rand
und denke darüber nach
ob man sagen darf
dass diejenigen
die meinen
nichts sagen zu dürfen
viel zu viel und all über all reden
um angeblich etwas zu sagen
was man nicht sagen darf

pedro leum
aus: Luftruinen-Ausgabe 10, Winter 2010/11